Zu zehnt in zwei Zimmern

Rumänische Arbeiter beklagen Mietwucher für Schimmelbude

Wohnen auf engstem Raum: Ion Robecu in einem Zimmer, das nicht einmal 20 Quadratmeter groß ist und das sich zeitweise fünf Bauarbeiter geteilt haben. Fotos:  Zgoll

Kassel. Die Stromkabel hängen lose an den Wänden, im Bad und der Küche sind die Fliesen großflächig abgeschlagen, der Warmwasser-Boiler ist seit Monaten defekt, an den Wänden gedeiht der Schimmel. Für die Mieter ist die 50 Quadratmeter große Wohnung an der Rothenditmolder Straße eine Zumutung.

Für den Vermieter offenbar eine lukrative Einnahmequelle.

Bis zu zehn rumänische Bauarbeiter teilten sich zeitweilig die zwei Zimmer, jeder von ihnen musste 150 Euro Miete im Monat zahlen. Macht zusammen 1500 Euro. Das jedenfalls behauptet Ion Robescu, der seit April 2013 offiziell Mieter der Wohnung ist und laut Mietvertrag 450 Euro zahlen muss.

André Schäfer, der als Geschäftsführer der Kasseler Immobiliengesellschaft IFS Vermieter von Robescu ist, und als Geschäftsführer der Kasseler Nova Bauconsult GmbH (beide mit Sitz an der Frankfurter Straße) bis Mitte Juni dieses Jahres auch Arbeitgeber des 47-jährigen Rumänen und dessen Landsmännern war, macht eine andere Rechnung auf. Maximal 780 Euro habe er im Monat kassiert, um die Nebenkosten abzudecken, unter anderem für Wasser. „Das sind Bauarbeiter, die duschen jeden Tag.“ Hinzu komme, dass die Wohnungen „danach Schrott sind“, so Schäfer. Nach dem Auszug der Bauarbeiter seien die Wohnungen „vollgeschissen“, denn das seien „relativ einfache Gestalten“. Er habe er „niemanden gezwungen, dort zu wohnen“. Er habe lediglich eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Wenn er (Robescu) dort immer mehr Leute reinstecke, „ist das doch nicht mein Problem“.

Von Landsmann angeworben

Robescu, der in Rumänien Frau und drei Kinder hat, ist Ende April 2013 nach Kassel gekommen. Angeworben per E-Mail von einem Landsmann, der bereits für die Nova Bauconsult GmbH arbeitete. Die Arbeit umfasste fast alles, was auf dem Bau anfällt: Trockenbau, Fassade, Dach. Verdient habe er im Monat 1500 bis 1600 Euro, umgerechnet etwa acht Euro in der Stunde.

Blick ins Bad: Die Gastherme ist seit Monaten defekt, an der Wand neben der Dusche, die keinen Vorhang hat, fehlen die Fliesen.

„Stimmt nicht“, sagt André Schäfer. Robescu habe, wie andere auch, im Rahmen von Werksverträgen für ihn gearbeitet, sei also nicht angestellt gewesen, und habe anfangs „um die zwölf Euro“ pro Stunde erhalten. In diesem Jahr sei man auf Bezahlung nach Gewerken übergegangen, für eine bestimmte Arbeit erhalte man eine bestimmte, vorher vereinbarte Summe.

Zum Streit zwischen Robescu und Schäfer kam es Mitte Juni, weil ein Sanierungsprojekt an der Hegelsbergstraße nicht rechtzeitig fertig geworden war. Deshalb hätten er und seine Kollegen ihr Geld nicht bekommen, alles in allem schulde ihnen die Baufirma 25 000 Euro. Die Miete habe Schäfer dagegen weiter kassieren wollen, sagt Robescu. Sein Vorschlag, die ausstehenden Löhne auf die Miete anzurechnen, sei abgelehnt worden mit dem Hinweis, dass es sich ja um zwei verschiedene Firmen handele.

Durchbruch: Die Fliesen an der Spüle fehlen, im Armarturenbereich klafft ein Loch.

„Stimmt nicht“, sagt Schäfer, er schulde Robescu nichts: Richtig sei vielmehr, dass Robescu seit Juni keine Miete mehr bezahlt habe, deshalb habe er eine Räumungsklage eingereicht. Und er habe vor zwei Wochen den Strom für die Wohnung abgeschaltet, „weil der Zähler ja auf mich lief“.

Schäfer streitet den Vorwurf ab, in die Wohnung des Rumänen eingedrungen zu sein, ihn geschlagen und bedroht zu haben. Schäfer: „Ich habe ein reines, gutes Gewissen.“

Das sagt die Polizei

Kassels Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch bestätigte auf Anfrage, dass Ion Robescu drei Strafanzeigen gegen André Schäfer und andere erstattet hat. Und zwar am 12. Oktober wegen gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch. Am 13. Oktober wegen Bedrohung, Nötigung und Sachbeschädigung. Am 16. Oktober wegen Hausfriedensbruch. Die Polizei will noch in dieser Woche die Ermittlungen aufnehmen und die Beteiligten anhören. Es sei nicht auszuschließen, dass auch in Richtung Mietwucher ermittelt werde. Mehr, so Jungnitsch, könne er im Moment nicht sagen.

Von Burghard Holz

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