Geheimnisvoller unterirdischer Gang

Sage um Nordshäuser Kirche: Spuk mit kopfloser Nonne

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Pfarrer war auch guter Zeichner: Der Prediger Philipp Hoffmeister erstellte um 1843 auch diese Zeichnung von der Klosterkirche Nordshausen. 

Kassel. Rund um Kassels älteste Kirche, die Klosterkirche Nordshausen, haben sich in Jahrhunderten sagenhafte Geschichten entsponnen. Eine spukende Nonne ohne Kopf und ein Geheimgang zum Kloster Weißenstein, an dessen Stelle heute das Schloss Wilhelmshöhe steht, sind zwei dieser Sagen, die kursieren.

Wir gingen mithilfe des Kirchenhistorikers Dr. Josef Mense der Frage nach, ob ein Funke Wahrheit in ihnen steckt.

Das um das Jahr 1250 gegründete Kloster wurde von Nonnen des Zisterzienserordens bewohnt und bewirtschaftet. Eine der Nonnen soll als kopfloser Geist dort des Nachts ihr Unwesen getrieben haben. So beschreibt jedenfalls der frühere Pfarrer Philipp Hoffmeister (1804-1874) die Sage. Ebenso berichtete er von Geschichten über einen unterirdischen Gang zwischen dem Nonnenkloster in Nordshausen und dem Kloster Weißenstein, in dem auch Mönche lebten. Es gab die Vorstellung, da würde es mit dem Zölibat nicht so ernst genommen, sagt Historiker Mense.

Der Prediger Hoffmeister war zwischen 1840 und 1874 in Nordshausen tätig. Der Universalgelehrte war neben seiner Arbeit als Theologe auch Naturwissenschaftler, Zeichner und Märchensammler. Zwei der von ihm gesammelten Sagen („Die Kornähre“ und „Der Grabhügel“) nahmen die Brüder Grimm in ihre Kinder- und Hausmärchen auf.

Die Kirche im Regiowiki

Weniger prominent publiziert wurde die Geschichte der kopflosen Nonne. In der von Hoffmeister um 1858 verfassten ersten Chronik der Klosterkirche taucht diese auf. Dort ist auch von dem unterirdischen Gang zu lesen.

Hoffmeister schrieb: „Nach der Sage soll auch zu Nords-hausen (...) ein unterirdischer Gang nach dem Mönchskloster Weissenstein geführt und beide miteinander verbunden haben. Furchtsame wagen sich auch jetzt noch nicht gern bei Nacht besonders zur Adventszeit in die Nähe der Kirche oder den Pfarrgarten, weil sich daselbst ,eine Nonne ohne Kopf‘ sehen lässt.“

Hoffmeister habe ironische Distanz zur Nonnen-Sage gehalten, sagt Mense. Die in Anführungsstriche gesetzte Formulierung „eine Nonne ohne Kopf“ lasse dies erkennen. Quatsch sei auch die Existenz eines Geheimgangs. Die Klosterkirche war Luftlinie vier Kilometer vom früheren Kloster Weißenstein (heute Schloss Wilhelmshöhe) entfernt.

Dass Mense bis heute auf diese Sage angesprochen wird, hat auch mit einem zugemauerten Eingang der ehemaligen Zehntscheune des Klosters (heute Gemeindehaus) zu tun. Auch sei man 1958 - bei Wiederaufbauarbeiten des Klosters nach dem Krieg - auf ein Loch gestoßen. Solche Beobachtungen hätten der Sage Auftrieb gegeben. Der zugemauerte Eingang jedenfalls führt lediglich in den Keller.

• Über den Prediger Philipp Hoffmeister ist ein Buch mit dem Titel „Märchen, Fliegen, Zeichenkreide“ erschienen. Es ist in der Kirchengemeinde Nordshausen erhältlich. 

Leseraufruf:

Kennen auch Sie weitestgehend unbekannte Sagen, die in Kassel spielen? Wenn ja, schreiben Sie uns an kontakt@hna.de. Wir gehen der Sage nach, suchen nach den Ursprüngen und stellen unsere Ergebnisse in der HNA vor.

Von Bastian Ludwig

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