Sanierung des Bundessozialgerichts: Bauarbeiter entdecken verschollenen Tresor

Kassel. Warum schloss der General des Stellvertretenden Generalkommandos IX. acht Wochen vor Kriegsende Haar- und Rasierwasser, eine Zigarrenkiste mit Toilettenpapier und Korkenzieher, eine Thermoskanne, Fotos von sich selbst sowie eine Waffe mit scharfer Munition in einem Tresor ein?

Mit diesen Fragen kann sich in den kommenden Monaten Dr. Cornelia Dörr beschäftigen. Am Mittwoch bekam die Leiterin des Kasseler Stadtmuseums im Bundessozialgericht (BSG) außergewöhnliche Exponate überreicht. Sie haben vermutlich General Theodor Petsch gehört, der vom 9. Dezember 1944 bis März 1945 das Kommando über das IX. Armeekorps in Kassel hatte. Fast 65 Jahre wusste niemand etwas von der Existenz des Tresors, der hinter einem Wandschrank im Büro des Präsidenten des Bundessozialgerichts eingemauert war.

Erst bei der Sanierung des Bundesgerichtes am Kasseler Graf-Bernadotte-Platz kam der Tresor wieder ans Tageslicht. Am 4. März 2009 fanden ihn Bauarbeiter, erzählte BSG-Präsident Peter Masuch anlässlich der Übergabe. Der Tresor wurde aus der Wand gebrochen und an der Rückseite geöffnet. Dabei wurde neben den Hygieneartikeln, einem Stadtplan mit allen Kommandogebäuden, dem Übergabe-Schlüssel zur Generalkommando-Eröffnung im Jahr 1938, Schmierzetteln, Manuskripten, Zeitschriften, Schnellheftern, Büchern („Wofür kämpfen wir?“ oder „Mit den Augen einer Frau“) auch eine Schusswaffe mit Munition gefunden. Wegen der Ortgies-Pistole und der sechs Patronen wurde die Polizei eingeschaltet, die die Waffe zunächst sicherstellte.

Im Mai dieses Jahres landete der so lange verschollene Besitz des Generals beim Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Die Gegenstände hätten viele Fragen aufgeworfen, sagte gestern Oberstleutnant Peter Haug. Der Inhalt sei ihm wie der Teil eines Vermächtnisses vorgekommen. Was war dieser General Petsch für ein Mensch? Haug erzählte, dass der 1884 in Berlin geborene Petsch bereits am Ersten Weltkrieg teilgenommen habe. Von 1941 bis 1944 war er in Norwegen stationiert, anschließend kam er nach Kassel. Aber nach wenigen Monaten wurde er in die sogenannte Führerreserve versetzt. Im Mai 1945 kam er in Gefangenschaft, aus der er 1947 wieder entlassen wurde. Petsch starb 1975 in Lindau am Bodensee.

Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor

Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
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Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
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Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch
Bauarbeiter entdecken bei Sanierung des Bundessozialgerichts Tresor © Lothar Koch

Das Dresdener Museum ist dem Wunsch von Dr. Cornelia Dörr nachgekommen. Die hatte Ende Mai dieses Jahres beantragt, dass die Fundstücke zurück nach Kassel kommen. Hier will man insbesondere mehr über die Bedeutung der Schriftstücke herausbekommen. Die ersten Ergebnisse sollen im November in den Räumen des Stadtmuseums an der Wilhelmsstraße präsentiert werden. Als sie von dem Fund gehört habe, sei sie wie elektrisiert gewesen, sagt Dörr. Sie dachte zuerst, es könnte sich um Dokumente zur Operation Walküre am 20. Juli 1944 handeln, an der Generäle aus Kassel beteiligt waren.

Diese Annahme war falsch. Dennoch freut sich Dörr über die Fundstücke. Die Übergabe der Exponate ans Museum sei ein symbolischer Schlusspunkt einer langen Militärgeschichte in der Stadt Kassel.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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