Reparaturarbeiten an Gebäuden müssen verschoben werden

Marode Gebäude: Sanierungsstau von 155 Millionen Euro

Christof Nolda

Kassel. Auf lange Sicht werde die Stadt durch den Schuldenabbau auf einen „Missstand bei den Gebäuden hinarbeiten“, sagt Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne).

„Mit Schmerzen“ beobachte die Bauverwaltung, dass der Sanierungsbedarf öffentlicher Gebäude immer weiter ansteige, je weniger aus Geldmangel repariert werden könne.

Christof Nolda

Bemerkenswert sei zudem die Preissteigerungsrate, die bei nur 2,5 Prozent angesichts des Sanierungsstaus von 155 Millionen Euro jährlich knapp vier Millionen Euro betrage. „Das ist mehr als die jährliche Gesamtsanierung in allen Schulen“, erklärt Nolda. Die 2013 angesetzten 7,6 Millionen Euro für die Gebäudesanierung würden dadurch kaum zum Abbau des Sanierungsstaus beitragen.

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In der Folge könnten dringende Reparaturen nur noch nach dem „Gießkannenprinzip“ erfolgen, um Gebäudeschließungen zu vermeiden, steht in der aktuellen Fortschreibung des Sanierungsprogramms. Das wurde vom Stadtverordnetenausschuss für Finanzen, Wirtschaft und Grundsatzfragen mit großer Mehrheit dem Stadtparlament zur Annahme empfohlen. Nur die Linken sind dagegen. Stadtverordneter Kai Boeddinghaus kritisierte den unzureichenden Ausbau der Ganztagesschulen und der Betreuungsplätze für Kleinkinder.

Zudem würden über eine Million Euro Zuschüsse von Bund und Land für die Sanierung der Emil-Junghenn-Halle sowie der Sporthallen Marbachshöhe und Gabelsbergstraße verfallen, weil diese Sanierungen wegen der Kreditreduzierung verschoben würden. Kommenden Generationen weniger Schulden, aber einen höheren Sanierungsstau und „verrottete Gebäude“ zu hinterlassen, sei verantwortungslos.

Bertram Hilgen

Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) kündigte in der Ausschusssitzung an, die Stadt werde daran arbeiten, „dass wir mehr für die Gebäudeunterhaltung investieren können“. Wichtig dafür seien vor allem Gewerbesteuern, die nur durch eine weitere Förderung der Wirtschaft verstärkt fließen würden.

Eichendorff-Schule vor der Schließung

Generalsanierung nicht vor 2020 möglich

Die Joseph-von-Eichendorff-Schule im Stadtteil Bettenhausen gilt als schlimmstes Beispiel für den Gebäudeverfall. Die 1978 gebaute Gesamtschule an der Eichwaldstraße "ist in einem erbärmlichen Zustand", sagt Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne). Im städtischen Gebäudesanierungsprogramm liest sich das so: "Das Gebäude ist technisch, baulich und energetisch in einem desolaten Zustand. Fenster sind mit Mitteln der Bauunterhaltung nicht mehr reparabel. Sie mussten zum Teil fixiert werden, um nicht zur Unfallgefahr zu werden. (...) Grundlegende Brandschutzmaßnahmen sind erforderlich. Technische Infrastruktur und energetische Beschaffenheit entsprechen in keiner Weise den heutigen Anforderungen und Vorschriften." Für eine Generalsanierung, die finanziell nicht vor 2020 möglich wäre, wird mit Kosten von 14,8 Millionen Euro gerechnet. "Bis dahin ist ein sicherer Schulbetrieb gebäudetechnisch nicht zu gewährleisten", heißt es im Sanierungsprogramm.

Die Stadt würde die Eichendorff-Schule, die von großer Bedeutung für Bettenhausen und den Kasseler Osten ist, gern erhalten. Weil die Schülerzahlen sinken, wird im Hessischen Kultusministerium darüber nachgedacht, die Schule auslaufen zu lassen und zu schließen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. (ach)

Sorge ums Rathaus

29,2 Millionen Euro wird die Rathaus-Sanierung kosten, die bis auf kleinere Arbeiten erst ab 2016 beginnen kann. Bis dahin gilt die Sorge vor allem dem Gebäudeflügel Karlsstraße, für den allein 19 Millionen Euro Kosten kalkuliert sind. Vor allem für den Brandschutz muss dort rasch etwas getan werden, damit der Flügel nicht geräumt werden muss.

Viehmann-Schule muss warten

Dringende Sanierungs- und Brandschutzarbeiten an der 1905 erbauten und 1979 erweiterten Dorothea-Viehmann-Schule in Niederzwehren für insgesamt 2,9 Millionen Euro können wegen Geldmangels erst ab 2015 beginnen.

Zinn-Schule auf Warteliste

Für insgesamt 4,7 Millionen Euro soll die 1950 erbaute und 1978 sowie 2003 erweiterte Georg-August-Zinn-Gesamtschule in Oberzwehren saniert werden. Wegen Geldmangels wird das Flachdach seit 2012 über die Dauer von zwei Jahren saniert, was als baulich und wirtschaftlich nicht sinnvoll gilt. Das Hauptgebäude kann erst ab 2016, der Schulhof erst ab 2020 saniert werden. "Das bedeutet fortschreitenden Substanzverlust bei steigenden Reparaturaufwendungen in der Bauunterhaltung", steht im Sanierungsprogramm der Stadt.

Hintergrund: Dickster Brocken sind die Schulen

Die 11. Fortschreibung des Kasseler Gebäudesanierungsprogramms hat ein Gesamtvolumen von 357,2 Millionen Euro. Seit 1990 wurden bis 2012 bereits insgesamt 202,1 Millionen Euro investiert. Der Sanierungsstau liegt also aktuell derzeit bei 155 Millionen Euro. Davon werden als dickster Brocken allein 91,3 Millionen Euro für die Sanierung der Kasseler Schulen gebraucht. Dort wurden seit 1990 bereits 140,9 Millionen Euro investiert. (ach)

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