BKA soll bei Ermittlungen helfen

Kassel: Anwältin des Sanitäters bestreitet Schlag gegen Kopf von Fixiertem

Flüchtlingsunterkunft am Platz der Deutschen Einheit
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Hier passierte der Vorfall: die Flüchtlingsunterkunft am Platz der Deutschen Einheit.

Nach den Schlagzeilen um einen Sanitäter, der einen fixierten Mann in Kassel geschlagen haben soll, haben sich nun die Anwälte des Sanitäters geäußert.

Kassel – Ein Video sorgt für Schlagzeilen. Darauf zu sehen ist ein Sanitäter, der – zumindest auf den ersten Blick – einen fixierten Patienten in einer Kasseler Flüchtlingsunterkunft schlägt, in Gegenwart zweier Polizisten. Nach der Berichterstattung der Bild-Zeitung schlägt der Fall hohe Wellen. Jetzt hat sich die Anwältin des 44 Jahre alten Rettungssanitäters zu Wort gemeldet – und sich gegen entsprechende Vorwürfe gewehrt, ihr Mandant habe den fixierten Mann mit der Faust geschlagen. Das würde nicht den Tatsachen entsprechen, sagen die Anwältin Anne-Marie Hahn und ihr Kollege Jorg Estorf von der Kasseler Kanzlei.

Sie kritisieren vor allem, dass die in Deutschland geltende Unschuldsvermutung durch die derzeitige Presseberichterstattung ad absurdum geführt werde. „Ein engagierter Notfallsanitäter, der seit 17 Jahren mit großem Engagement seinen Dienst auch in schwierigen Situationen geleistet hat, wird innerhalb weniger Stunden durch Presseartikel und überraschende Äußerungen von der Leitungsebene aus dem Polizeipräsidium zum Schuldigen und Buhmann“, sagt Estorf. Dabei spielt er auch auf die Stellungnahme des Polizeipräsidenten Konrad Stelzenbach an, der das Verhalten von Sanitäter und Polizisten mit scharfen Worten missbilligt hat.

Sanitäter verletzt Flüchtling? Video des Vorfalls aus Kassel zeigt keine Verletzung des Patienten

Das im Zuge der Berichterstattung von der Bild-Zeitung veröffentlichte Video und die Presseartikel des Vorfalls in Kassel erweckten den Eindruck, dass der Rettungssanitäter den Patienten bei dem Einsatz am 8. November bedroht und geschlagen habe. Das sei jedoch nicht richtig, so Hahn.

Nach der Auswertung des Original-Videomaterials, das aus der Flüchtlingsunterkunft stammt und Bestandteil der Ermittlungsakte ist, werde deutlich, dass der Rettungssanitäter den Patienten mit der Faust gerade nicht auf den Kopf geschlagen hat. Nachdem der Mann ihn bespuckt habe, habe sich die Aktion des Sanitäters bewusst gegen die Kopfschale der Sanitätsliege gerichtet, um „mit diesem Impuls“ ein Ende der Spuckattacken zu bewirken, sagt Hahn. Dabei sei der Patient nicht verletzt worden.

Ihr Kollege Estorf nimmt an, dass sich bislang Teile der Presse und der Anzeigeerstatter sowie sein Rechtsbeistand die Videoaufzeichnungen mutmaßlich nicht sorgfältig angeschaut haben. Wenn man die Bilder in Hochauflösung und Zeitlupe ansehe, dann werde deutlich, dass der Sanitäter den Schlag bewusst „daneben gesetzt“ habe. Es sei jetzt Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden, das Video mit einer Spezialsoftware auszuwerten, um den wahren Ablauf zu ermitteln.

Kassel: BKA soll bei Ermittlungen helfen

Nach Angaben von Andreas Thöne, Sprecher der Staatsanwaltschaft, werde man den Datenträger mit den Originalvideoaufnahmen jetzt dem Bundeskriminalamt übermitteln – mit dem Auftrag, die Videodatei detailliert hinsichtlich der konkreten Schlagausführung zu analysieren, um das in Rede stehende Tatgeschehen bestmöglich aufzuklären.

Nach Auskunft der Anwälte Hahn und Estorf liegt darüber hinaus bisher unveröffentlichtes Bildmaterial vor, das nach dem Vorfall entstanden ist – darunter ein Foto des 32-jährigen Patienten. Das zeige deutlich, dass der Mann im Gesichtsbereich unverletzt gewesen sei. Hätte der Patient durch den Faustschlag des Sanitäters – wie später behauptet – tatsächlich eine doppelte Jochbeinfraktur erlitten, so hätte man auf dem Bildmaterial eine sichtbare Schwellung im Gesicht des Mannes sehen müssen. Diese Einschätzung stamme von medizinischen Experten, behauptet Estorf.

Die beiden Anwälte führen zudem an, dass der 32-Jährige noch in derselben Nacht von einem Amtsarzt untersucht worden sei, bevor er in den Gewahrsam des Polizeipräsidiums gebracht wurde. Ihre Schlussfolgerung: Hätte der Arzt eine Jochbeinfraktur bei dem Mann diagnostiziert, wäre er umgehend in ein Krankenhaus gebracht worden.

Mann erstattet Anzeige gegen Sanitäter - Ermittlungsverfahren läuft

Zudem habe das Attest, das die Bild-Zeitung über die Verletzungen des 32-Jährigen veröffentlicht habe, keinen Beweiswert. Es trage das Datum vom 20. November, sei also erst zwölf Tage nach dem Vorfall ausgestellt worden, sagt Estorf. Auf dem abgebildeten Teil des Dokuments heißt es: „CT des Gesichtsschädels vom 20.11.2020.“ Die Zeilen darüber sind nicht sichtbar.

Der Staatsanwaltschaft Kassel liege dieses Attest gar nicht vor, obwohl man den Hamburger Anwalt des 32-Jährigen aufgefordert habe, alle Unterlagen zur Verfügung zu stellen, erklärt Sprecher Andreas Thöne. Die Staatsanwaltschaft verfüge allerdings über ein Attest vom 24. November. Demnach sei dem 32-Jährigen eine Orbitabodenfraktur – also ein Bruch des Bodens der Augenhöhle – bescheinigt worden. Die ärztliche Untersuchung habe dafür am 10. November stattgefunden, so Thöne. Nach Informationen der HNA wies der 32-Jährige am Montag, 9. November, Verletzungen auf, als er bei der Polizei Anzeige gegen den Sanitäter erstattete.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft kann derzeit noch nicht absehen, wann das Ermittlungsverfahren gegen den Rettungssanitäter wegen des Verdachts der Körperverletzung abgeschlossen sein wird. Die Anwältin des 44-Jährigen verfolgt indes das Ziel, dass das Verfahren eingestellt wird. Ihr Mandant habe wegen des Videos nicht nur im November seinen Job beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) verloren, sagt Hahn. Nach der bundesweiten Berichterstattung sei ihm in der vergangenen Woche auch von seinem neuen Arbeitgeber gekündigt worden. (Ulrike Pflüger-Scherb und Florian Hagemann) Die Polizei Kassel meldete sich nach dem Vorfall ebenfalls zu Wort.

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