Region hat weiterhin zwei Mohren-Apotheken

Ist das Rassismus? „Sarotti-Mohr“ löst erneut hitzige Diskussion aus

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Sarotti-Mohr in Mannheim: Eine alte Werbetafel in einem Kulturzentrum sorgt für hitzige Rassismus-Debatten.

Ein „Sarotti-Mohr“ hat in Mannheim eine heftige Diskussion über Rassismus ausgelöst. Über „Mohrenköpfe“, „Mohrenstraßen“ und „Mohren-Apotheken“ wird immer wieder gestritten - auch in unserer Region.

Aktualisiert um 13.43 - Der Sarotti-Mohr trägt einen bunten Turban auf dem Kopf, er hat dunkle Haut, kräftig rote Lippen und ist in Kleidern und Haltung eines Dieners unterwegs. Lange Jahre wurde sein Bild als Maskottchen für die Schokoladen-Marke Sarotti genutzt. Im Handel ist er so schon seit dem Jahr 2004 nicht mehr zu sehen – doch in Mannheim sorgte er nun für eine heftige Debatte um Rassismus. Ausgerechnet auf der Theke eines Kulturzentrums werden alte Werbetafeln mit seiner Abbildung als Dekoration eingesetzt.

Aufgefallen ist das im Oktober vergangenen Jahres bei „Mannheim sagt ja!“, einer Veranstaltung gegen Alltagsrassismus, die das Kulturzentrum Capitol ausgerichtet hat. In Facebook-Posts stand das Zentrum dann selbst für Alltagsrassismus in der Kritik. Der Vorwurf: Die Darstellung würdige schwarze Menschen herab, sie sei verletzend und rassistisch. Durch die Verwendung von Retro-Werbung würde Rassismus immer wieder reproduziert.

Seitdem tobt unter anderem auf Facebook eine heftige Debatte. Die einen sehen im Sarotti-Mohr nur eine schöne Kindheitserinnerung, sie plädieren dafür, ihn im geschichtlichen Kontext zu sehen und zu erhalten. „Der Sarotti-Mohr gehört seit meiner Jugendzeit im Capitol einfach an die Theke.... es wurde so viel Arbeit und Liebe in die detailgetreue Renovierung des alten Gebäudes gesteckt, das sollte man einfach als Gesamtkunstwerk betrachten, ohne irgendwelche Hintergedanken“, schreibt Claudia R. Nutzer Mike N. geht sogar noch weiter: „Die Diskussion um echten Rassismus wird dadurch ins Lächerliche gezogen. Diese übertriebene Korrektheit nervt“, findet er.

Unter anderem Tony R. hält dagegen: „Die alte Darstellung der Firma Sarotti eines schwarzen Sklaven ist rassistisch und wird deswegen auch so nicht mehr von der Firma Sarotti verwendet! Und wir PoC's (People of Colour) sind es leid, ‚weißen’ immer noch und immer wieder erklären zu müssen, was Rassismus ist! Hört bitte auf, unsere Erfahrungen in Frage zu stellen, und nehmt es verdammt noch einmal an, wenn wir euch darauf hinweisen!“, schreibt er.

Mohr: Definition

Das Wort „Mohr“ gibt es bereits seit dem 8. Jahrhundert. „Es geht auf das lateinische ‚Maurus’ zurück, das die Bewohner der nordafrikanischen Provinz Mauretanien bezeichnet“, erklärt der Kasseler Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Gardt. Seit dem 16. Jahrhundert werde es allgemein für Menschen mit schwarzer Hautfarbe verwendet. Die Frage, ob es heute ein rassistischer Begriff sei, ließe sich pauschal nicht beantworten. Sicherlich sei er es mehr als „Schwarzer“, aber weniger als „Neger“. Es komme auf den Kontext an. In „Mohrenkopf“ ziele „Mohr“ beispielsweise auf die Hautfarbe ab, weshalb dieser Begriff durch „Schaumkuss“ ersetzt wurde. Und auch den „Sarotti-Mohr“ schätzt Gardt als diskriminierend ein, da er mit einer dienenden Haltung verbunden werde.

Sarotti Mohr heißt jetzt "Sarotti-Magier der Sinne"

Sarotti selbst verwendet ihn nicht mehr als Symbol. Heute ziert ein Magier mit goldener Haut die Schokolade. Genannt wird er "Sarotti-Magier der Sinne".

Das Capitol entschied sich nun dennoch dafür, die alten Werbetafeln hängen zu lassen. In der Diskussion habe sich laut Stellungnahme des Kulturzentrums zwar herausgestellt, dass die Figur für viele als kolonialrassistsiches Zeugnis gilt, die nicht mehr in unsere Zeit gehöre. Doch auch, dass andere damit positive Erinnerungen verbinden und darauf verweisen, „dass sich die Figur historisch nicht mit Rassismus in Verbindung bringen lässt, zumal die Familie des Erschaffers der Figur Julius Emil Friedrich Gipkens selbst rassistischer Verfolgung durch das NS Regime ausgesetzt war und in die USA floh“, wie das Capitol weiter schreibt. Die Diskussion um den „Sarotti-Mohr“ habe das Kulturzentrum mit einer Veranstaltungsreihe rund um Rassismus aktiv begleitet. Dieser Raum sei wichtig. Daher blieben die Werbetafeln auch hängen – als „Symbol für unseren Wunsch, mit unseren Gästen dauerhaft im Gespräch zu bleiben.“

Das Antidiskriminierungsbüro Mannheim kritisiert diese Entscheidung. Der Verein plädiert in einer Stellungnahme dafür, die Werbetafeln in einem anderen Rahmen zu zeigen, in dem Kolonialgeschichte explizit aufgearbeitet würde. Bei der Entscheidungsfindung hätte das Capitol mehr auf Stimmen Betroffener hören sollen. Sie seien in diesem Fall relevanter als die Meinungsäußerungen von vielen Nicht-Betroffenen.

Mohren Apotheke Kassel: Herkunft

Der Streit um den Begriff „Mohr“ dürfte vielen Kasselern vertraut vorkommen: Erst vor einem Jahr wurde über den Namen der Mohren-Apotheke am Bebelplatz debattiert. Auslöser war ein Antrag der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung in Frankfurt auf Umbenennung dortiger Mohren-Apotheken. Die Frage strahlte weit über die Metropole hinaus, auch in Kassel wurde sie gestellt. Die Inhaberin der Apotheke am Bebelplatz, Christina Hartmann, entschied sich dafür, am Namen festzuhalten. Gegenüber der HNA erklärte sie, sie sei hin- und hergerissen. Einerseits sei sie mit dem Namen auch nicht ganz glücklich, andererseits erkenne sie aber die lange Tradition an, die dahinter stehe.

Mohren Apotheke Hofgeismar: Bedeutung des Namens

Eine zweite Apotheke mit ähnlichem Namen ist in Hofgeismar zu finden: Die Mohren Apotheke. Inhaberin Dr. Cordula Anna Stark kann die Debatte um den Begriff "Mohr" zwar verstehen, auch sie und ihr Team haben zwischenzeitlich über eine Umbenennung nachgedacht. "Wir werden aber bei dem Namen bleiben", sagt sie. Er komme noch aus dem Mittelalter, weise auf damalige Heilkundige hin und sei als absolute Wertschätzung gemeint. 

Auch Sprachwissenschaftler Gardt gibt zu bedenken, der Begriff „Mohren-Apotheke“ erkläre sich möglicherweise dadurch, dass frühe medizinische und pharmazeutische Erkenntnisse aus dem arabischen Raum nach Europa kamen. „In diesem Fall könnte man sich am ehesten vorstellen, dass die Verwendung des Wortes erhalten bleibt. Aber es ist schwer, hier eine Prognose abzugeben“, so Gardt.

Wie Stark entschied sich auch Hartmann gegen eine Umbenennung ihrer Apotheke. „Rassismus beginnt im Kopf, nicht mit dem Namen einer Apotheke“, sagte sie.

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