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Uni Kassel erprobt neue Mobilität auf dem Land: Satellitenbüros statt Pendlerströme

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Von: Katja Rudolph

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 Das Bild zeigt Katharina Stock vom Carsharing-Anbieter Regio-Mobil vor dem Coworking-Space in Jesberg (Schwalm-Eder-Kreis).
Wohnortnah arbeiten und Fahrzeuge gemeinschaftlich nutzen: Das Bild zeigt Katharina Stock vom Carsharing-Anbieter Regio-Mobil vor dem Coworking-Space in Jesberg (Schwalm-Eder-Kreis). © Peter Zerhau

Die Zukunft der Mobilität wird in Nordhessen bereits Realität: In einem Forschungsprojekt der Uni Kassel zusammen mit Praxispartner wird der Einsatz von Coworking, Carsharing und Lastenrädern erprobt, um Emissionen durch Pendelverkehr zu vermeiden.

Kassel – 19 400 Menschen mit Bürojobs pendelten vor der Pandemie aus dem Umland täglich nach Kassel. Würde man ihre jährlichen Arbeitsfahrten aneinanderhängen, könnten die Kassel-Pendler fast 5900 Mal die Erde umrunden. Die Zahlen geben einen Eindruck von dem gewaltigen Einsparpotenzial umweltschädlicher Emissionen, wenn der Pendelverkehr reduziert würde.

In der Coronazeit, in der viele im Homeoffice saßen und sitzen, sind Bereitschaft und technische Voraussetzungen für neue Arbeitsmodelle gestiegen. Wissenschaftler der Universität Kassel wollen das in Zusammenarbeit mit Praxispartnern nutzen. Derzeit bauen sie ein Netz aus Gemeinschaftsbüros im ländlichen Raum in Kombination mit nachhaltigen Mobilitätsangeboten wie Carsharing auf. Die Verkehrsforscher unter Leitung von Prof. Dr. Carsten Sommer untersuchen dabei, welche Auswirkungen solche Modelle auf Privat- und Arbeitsleben der Menschen sowie auf die Umwelt haben.

Kürzlich ist die zweite Phase Projekts „Mosaca“ (Mobiles Arbeiten in wohnortnahen Satellitenbüros in Kombination mit nachhaltigen Verkehrsangeboten in Nordhessen) angelaufen, das mit 700 000 Euro vom Bundesumweltministerium gefördert wird. In den kommenden zwei Jahren wolle man ein „Reallabor“ umsetzen, sagt Dr. Melanie Herget, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme. Das heißt: Statt lediglich mit Fragebogen und theoretischen Berechnungen soll praktisch erprobt werden, „wie es in Zukunft sein könnte“, so Herget – in Zusammenarbeit mit Beschäftigten und Unternehmen aus der Region.

Dafür ist bereits das Netzwerk „Coworking Nordhessen“ gegründet worden, dem aktuell zehn Coworking-Spaces angehören, fünf weitere sind im Aufbau. „Coworking wird oft mit Großstädten verbunden, dabei ist es vor allem auf dem Land notwendig, wo Menschen weite Wege zurücklegen“, sagt Michael Schramek von der Mobilitätsberatung Ecolibro, der das Projekt mit angestoßen hat. Der Jesberger, der seit Corona viele berufliche Termine online erledigt, statt hinzufahren, spricht aus Erfahrung. Sein Auto hat er längst abgeschafft. Ziel bis 2035 sei, dass jeder Nordhesse innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Rad einen Coworking-Space erreichen könne.

Den örtlichen Bürogemeinschaften sollen Carsharing-Fahrzeuge zur Verfügung stehen, die für die (selteneren) Arbeitswege sowie sonstige Dienst- und Privatfahrten auch sitzplatzweise gebucht werden können. Ebenso können Pedelecs und Lastenräder gemeinschaftlich genutzt werden. Auch übertragbare ÖPNV-Dauerkarten wolle man erproben, sagt Melanie Herget. Derartiges „Abo-Sharing“ gebe es bislang noch nicht.

Begleitend befragen die Forscher die am Praxisexperiment beteiligten Unternehmen und Arbeitnehmer (weitere Interessierte können sich melden). Bei der Auswertung liegt ein Augenmerk auch auf Rebound-Effekten, das sind gewissermaßen unerwünschte Nebenwirkungen. So könne es sein, dass die Menschen zwar weniger zur Arbeit fahren, dafür aber extra mit dem Auto zum Einkaufen fahren, statt dies auf dem Heimweg zu erledigen. Oder dass sie weiter entfernte Freizeitziele ansteuern. „Das würde zu neuen Emissionen an anderer Stelle führen“, so Herget. Solche Rebound-Effekte sollen frühzeitig identifiziert werden, um mit gezielten Strategien gegenzusteuern – damit die Umwelt unterm Strich wirklich profitiert.

Eine große Chance biete das Vorhaben in jedem Fall für den ländlichen Raum, sagt Michael Schramek. „Durch Coworking kann sich wieder mehr Dorfleben entwickeln.“ Auch die örtliche Infrastruktur werde gestärkt, wenn die Beschäftigten nicht mehr in Kassel oder anderswo mittagessen und ihre Einkäufe erledigen, sondern häufiger vor Ort sind. (Katja Rudolph)

Mehr Infos: coworking-nordhessen.de

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