Nach Terroranschlag in Paris

Caricatura-Chef: "Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen"

„Buch der Wunder“: So lautet die Unterschrift unter diesem Cartoon von Thomas Plassmann, der im Katalog zur Beste-Bilder-Ausstellung abgedruckt ist. Repro: Lappanverlag

Kassel. Langsam löst sich die Schockstarre: So beschreibt die Caricatura in Kassel den Gemütszustand nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo.

„Das ist unfassbar“, sagt Martin Sonntag, der Caricatura-Geschäftsführer. Das Attentat sei ein tiefer Eingriff für die Komik- und Satire-Welt, aber auch für Presse- und Meinungsfreiheit.

Doch einschüchtern lassen dürfe man sich nicht, betont Sonntag. Eine Selbstzensur aus Angst, Extremisten auf das Feld zu rufen, sei das Schlimmste, was der Satire-Szene passieren könne. „Wir dürfen nicht eine Grenze setzen, die Terroristen vorgeben.“ Das widerspreche dem freiheitlich-demokratischen Selbstverständnis, das in Europa über Jahrhunderte erkämpft worden sei.

Gibt es Bereiche, auf die Satire Rücksicht nehmen muss? „Sie darf keine Rücksicht nehmen“, sagt der Caricatura-Chef. „Satire ist gezeichnete Kritik.“ Dabei würden mitunter die Grenzen des guten Geschmacks ausgelotet, wie beispielsweise im Magazin Titanic. Dass die Ergebnisse polarisieren und teilweise als beleidigend wahrgenommen werden, weiß die Galerie für komische Kunst aus Erfahrung. „Man staunt, was alles Tabuthemen sind“, sagt Sonntag.

„Wenn wir alles abhängen würden, wo sich jemand aufregt, wären unsere Wände leer.“ 

IS statt Eis: Dorthe Landschulz wandelt mit dieser Karikatur den Ice-Bucket-Challenge mit den Eiskübel-Videos im Internet ab, um den islamistischen Terror aufzugreifen.

Gerade islamkritische Karikaturen sind ein sensibles Thema. „Aber wenn sich Islamisten darauf berufen, dass religiöse Gefühle verletzt werden, muss man sehen, dass ein aufgeklärter Geist sich auch durch die extreme Ausübung von Religion belästigt fühlen kann“, sagt Sonntag. In einer säkularen Welt müsse es erlaubt sein, auch Themen rund um die Religionen satirisch aufzugreifen. In der aktuellen Caricatura-Ausstellung „Beste Bilder“ sind auch Karikaturen zu sehen, die sich mit dem islamistischen Terror befassen. Bisher habe man keine negativen Rückmeldungen bekommen, sagt Sonntag. Einige Zuschauer zuckten kurz bei dem Bild einer Enthauptungsszene (siehe Abbildung links), hat der Galerie-Chef beobachtet. „Oft wird in solchen Fällen verkannt, dass die Realität viel schlimmer ist als das, was dargestellt wird.“ Karikaturen griffen oft den großen oder kleinen Wahnsinn in der Welt auf, sagt Sonntag: Die Komik sei dabei ein „Ventil, um Dampf abzulassen“.

Die Caricatura stehe dabei „für Satire, die auch schärfer sein darf, und nicht nur Schenkelklopfer“, sagt Sonntag. Die Bilder für Ausstellungen wähle man sorgfältig aus: Plumpe Witze, die nur stänkern und draufhauen wollen, hätten schlechte Chancen. „Aber wenn hinter einem Bild eine inhaltliche Haltung steht, sind wir immer dabei.“ Dass Besucher sich am Gezeigten auch reiben, sei durchaus gewollt. „Wenn man eine Zeichnung blöd findet oder sich durch einen Witz beleidigt fühlt, dann muss man ihn ignorieren - oder ertragen.“  

Die Ausstellung „Beste Bilder“ ist bis 15. Februar in der Caricatura zu sehen. Dienstag bis Freitag 14 -20 Uhr, Samstag und Sonntag 12 bis 20 Uhr.

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