Savasci-Prozess: Fragen und Antworten rund um den Fall

Er ist wegen des Verdachts des Mordes angeklagt: Der 51-jährige Bruder von Mehtap Savasci. Zeichnungen:  Reinckens (2)

Ein 51-Jähriger soll seine Schwester Mehtap Savasci getötet haben. Da wir nicht über die Plädoyers des Mordprozesses berichten können, hier eine Zusammenfassung des bisherigen Verfahrens.

Heute wird vermutlich die Beweisaufnahme in einem der wohl aufsehenerregendsten Prozesse in diesem Jahr vor dem Kasseler Landgericht geschlossen werden.

Mehr als 50 Zeugen wurden seit dem Auftakt des Verfahrens am Montag, 20. Juli, vor der Sechsten Strafkammer an 13 Verhandlungstagen gehört. An den meisten Verhandlungstagen war der Saal D 130 mit über 50 Zuschauern besetzt.

Die Plädoyers wird die Öffentlichkeit in diesem Indizienprozess allerdings nicht verfolgen können, da sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Grund: Die Öffentlichkeit muss bei Plädoyers ausgeschlossen werden, wenn zuvor in einem Verfahren auch Zeugen nicht öffentlich vernommen worden sind, erläuterte jüngst Volker Mütze, der Vorsitzende Richter. Das war in diesem Prozess der Fall bei der Aussage von zwei Kindern.

Wie soll die Tat laut Anklage verlaufen sein? 

Am Morgen des 7. Oktober 2014 soll der mittlerweile 51-jährige Angeklagte seiner Schwester Mehtap Savasci (40) vor ihrer Wohnung in Wehlheiden aufgelauert, sie in einen weißen VW Caddy gezerrt und später mit zwei Schüssen ins Herz getötet haben. Die Leiche seiner Schwester soll er anschließend in dem Kleingarten seines Schwiegersohns in Wiesbaden verscharrt haben. Die Leiche war dort am 7. November gefunden worden.

Gibt es Zeugen für die Entführung? 

Zwei Kinder beobachteten am Morgen des 7. Oktober vor dem Haus an der Pfeifferstraße, in dem Mehtap Savasci wohnte, ein Gerangel zwischen einem Mann und einer Frau. Einer 32-jährigen Zeugin fiel am selben Morgen ein Caddy auf der A7-Auffahrt am Kreuz Kassel-Mitte auf. Sie beobachtete, wie der Wagen kurz anhielt und sich die Beifahrerseite einen Spalt öffnete, bevor der Fahrer Gas gab.

Was ist mit der Waffe geschehen? 

Die Tatwaffe - wahrscheinlich handelt es sich um eine halbautomatische Selbstladepistole - ist bis heute nicht aufgetaucht.

Welche Rolle spielen die Handys des Angeklagten? 

Durch die Auswertung der Funkzellen, in denen die Handys des Angeklagten am Tattag eingeloggt waren, ist der Mann schwer belastet worden. Die Auswertung hat ergeben, dass der Angeklagte am 7. Oktober gegen 3.40 Uhr seine Fahrt in Maintal startete. Nachdem er in Frankfurt getankt hatte, fuhr er über die A5 und A7 Richtung Kassel. Anschließend fuhr er nach Wehlheiden, wo seine Schwester an der Pfeifferstraße wohnte. Am Nachmittag waren die Mobiltelefone des Angeklagten über Stunden in einer Funkzelle in Wiesbaden eingebucht, die den Kleingartenverein versorgt, in dem später die Leiche von Mehtap Savasci gefunden wurde.

Prozess im Fall Mehtap Savasci - Bruder angeklagt

Die Auswertung der Funkzellen ist eine Sache. Woher wissen die Ermittler, dass der Angeklagte seine Handys dabeihatte? 

Vor Gericht wurde das Video einer Überwachungskamera an einer Frankfurter Tankstelle abgespielt. In dem Video ist eindeutig zu sehen, wie der Angeklagte dort in der Nacht zum 7. Oktober um kurz vor 4 Uhr den weißen Caddy für 56,08 Euro betankte. Ein Telefonat, das eine Kollegin mit dem Angeklagten am Vormittag geführt hat, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er seine Telefone auch tatsächlich dabeigehabt hat.

Welche Rolle spielt eine Schubkarre in dem Prozess? 

Eine sehr wichtige, denn sie unterstreicht den Vorsatz: Bereits am Montag, 6. Oktober, soll der Angeklagte eine Schubkarre auf Rechnung seines Arbeitgebers in einem Baumarkt in Offenbach gekauft haben. Es gibt einen entsprechenden Kassenbon, der die Unterschrift des Angeklagten tragen soll. Kollegen des 51-Jährigen sagten aus, dass man in dem Unternehmen solch eine Schubkarre nicht benötigte. Vermutlich wurde die Karre dazu genutzt, um die Leiche zu dem Schrebergarten in Wiesbaden zu transportieren. Eine baugleiche Schubkarre wurde dort jedenfalls entdeckt. Darin waren auch DNA-Spuren des Opfers gefunden worden.

Welche Anhaltspunkte gibt es dafür, dass der Angeklagte am Tattag tatsächlich den weißen Caddy seines Unternehmens gefahren hat? 

Dafür sprechen die Unterlagen seiner Firma, in denen dies dokumentiert ist, und die Videoaufzeichnungen von der Tankstelle. Das Fahrtenbuch war nach der Tat zunächst verschwunden, es wurde später in einer Papiertonne in dem Unternehmen gefunden, für deren Leerung der Angeklagte zuständig war. Zudem wurden auch im Caddy DNA-Spuren des Opfers sichergestellt.

Was soll das Motiv gewesen sein? 

Der westliche Lebensstil der geschiedenen und alleinerziehenden Mehtap Savasci soll dem Bruder nicht gepasst haben. Das haben mehrere Zeugen, Freunde und Arbeitskollegen von Mehtap, ausgesagt. Am Samstag vor der Tat hatte es offenbar einen heftigen Streit gegeben. Dabei hatte der 51-Jährige seiner Schwester Vorwürfe gemacht, weil sie dem Bayram-Fest ferngeblieben war. Zudem störte er sich offenbar an der Beziehung seiner Schwester zu einem verheirateten Mann. Den Geliebten der Schwester, der sich ebenfalls in ihrer Wohnung aufgehalten hat, soll er vor die Tür gesetzt haben. Das haben sowohl die 18-jährige Tochter als auch der Geliebte von Mehtap bestätigt. Ein Ehepaar aus Hamburg, das am Samstagabend die Geschwister in der Wohnung erlebt hatte, sprach davon, dass Mehtap große Angst vor ihrem Bruder gehabt habe.

Gibt es Aussagen, die dem von der Staatsanwaltschaft geschilderten Tatgeschehen widersprechen?

Ja. Ein 60-jähriger Mann aus Felsberg hat ausgesagt, dass Mehtap Savasci am Vormittag des 7. Oktober 2014 gegen 10.30 Uhr in seinem Geschäft in Felsberg gewesen sein könnte. Eine 45-jährige Frau sagte aus, dass sie Mehtap Savasci, die sie von deren Arbeit bei der Ausländerbehörde gekannt habe, gegen 13 Uhr am Stern in Kassel gesehen habe.

Was sagt der Angeklagte zu seiner Verteidigung? 

Gar nichts. Der Mann hat sich bis heute nicht zu den Anschuldigungen geäußert. Seine beiden Verteidiger versuchen allerdings, das mögliche Motiv zu entkräften. Anhand von Zeugenaussagen von Arbeitskollegen und zwei Nachbarn aus Maintal sollte bewiesen werden, dass der Angeklagte nicht konservativ ist und somit auch keine Schwierigkeiten mit dem Lebensstil seiner Schwester gehabt habe. Seine Nachbarin sagte aus, dass der Angeklagte gegen die Hochzeit seiner Tochter mit einem sehr religiösen und konservativen Moslem gewesen sei. Als hilfsbereit und freundlich wurde der Angeklagte beschrieben.

Und was sagt die Familie des Angeklagten? 

Die einzige, die sich vor Gericht geäußert hat, ist seine Nichte, die Tochter von Mehtap Savasci. Die 18-Jährige tritt als Nebenklägerin auf und ist von der Schuld ihres Onkels überzeugt. Der Rest seiner Familie schweigt. Der jüngere Bruder, die Ehefrau, die älteste Tochter und der Schwiegersohn des Angeklagten haben von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Allerdings sind offenbar nicht alle von seiner Unschuld überzeugt. In einem von der Polizei abgehörten Telefonat hat der Schwiegersohn zur Tochter des Angeklagten am 10. November 2014 gesagt: „Es ist nicht mein Problem, wenn dein Vater deine Tante tötet.“

Wie ist die Atmosphäre im Gerichtssaal? 

Mitunter sehr befremdlich, weil sich offenbar die gesamte Familie von der Tochter des Opfers distanziert hat. Um die 18-Jährige kümmert sich vor Ort nur der türkische Frauenverein. Der Angeklagte hat im Prozess nicht den Eindruck gemacht, dass ihm der Tod seiner Schwester nahegehen würde. Während er seine Nichte so gut wie möglich ignorierte, warf er seiner Frau und den Töchtern im Zuschauerbereich liebevolle Blicke von der Anklagebank zu, winkte und verteilte auch Kusshände in deren Richtung. Auch das Verhalten des jüngeren Bruders ist ungewöhnlich. Am Mittwoch strahlte er während der einstündigen Verhandlung über das ganze Gesicht - in einem Verfahren, in dem sein Bruder wegen des Mordes an seiner Schwester angeklagt ist, darf man sich darüber wundern.

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