Familiäre Gründe waren das Motiv

Richter über den Savasci-Prozess: "Es war kein Ehrenmord"

Sie stellten sich nach der Urteilsverkündung den Fragen der Reporter: Yaren Savasci (rechts) mit ihrer Anwältin Katharina Heinecke, die sie in der Nebenklage vertreten hat. Fotos:  Koch

Kassel. Der Tod von Mehtap Savasci habe nichts mit einem Ehrenmord zu tun, sagte Volker Mütze, Vorsitzender Richter der Sechsten Strafkammer, nachdem er am Donnerstag das Urteil im Saal D 130 des Landgerichts verkündet hatte. 

Der Begriff Ehrenmord war vor geraumer Zeit vom früheren Präsidenten des Polizeipräsidiums Nordhessen, Eckhard Sauer, nach der Tötung der 40-jährigen Mehtap Savasci ins Spiel gebracht worden.  Auch wenn die Strafkammer keinen Ansatz für einen Ehrenmord sah, so hätten familiäre Gründe bei der türkischstämmigen Familie Savasci letztlich zu dem Mord aus niedrigen Beweggründen geführt. Das Verhältnis von Mehtap Savasci zu ihrer Familie sei im Laufe der Jahre immer schlechter geworden. Insbesondere zu dem älteren Bruder, für den es in den vergangenen Jahren „zwei Baustellen“ in der Familie gegeben habe. Zum einem sei er nicht mit der Lebensweise seiner geschiedenen Schwester einverstanden gewesen, so Mütze. Er habe ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann missbilligt.

Zum anderem habe der 51-Jährige versucht, seinen Schwiegersohn in seiner gesamten Familie zu integrieren. Einen offenbar sehr religiösen und konservativen Mann, mit dem er zunächst selbst nicht als Ehemann für seine eigene Tochter einverstanden gewesen wäre. Ebenso wenig Mehtap Savasci. Sie stellte einen Strafantrag, nachdem der junge Mann ihre Nichte entführt und damit quasi eine Heirat erzwungen hatte.

Während Mehtap weiterhin gegen die Beziehung der beiden gewesen sei, habe ihr Bruder den Schwiegersohn schließlich akzeptiert und sogar darauf bestanden, dass er in der gesamten Familie geduldet wird.

Mehtap kam diesem Wunsch aber nicht nach. Daraufhin habe der junge Mann ihr mehrfach gedroht, so Mütze. Auch wenn man dem Schwiegersohn aufgrund dieser Drohungen hätte zutrauen können, dass er dem Angeklagten bei dem Mord geholfen hat, so habe er doch ein Alibi für die Tat. Er hielt sich am 7. Oktober 2014 noch in der Türkei auf.

Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass eine dritte Person dem 51-Jährigen bei dem Mord zur Seite gestanden habe, sagte der Vorsitzende in der über einstündigen Urteilsbegründung.

Nachdem es beim türkischen Bayram-Fest am 4. Oktober 2014 zu einer Eskalation zwischen den Geschwistern gekommen war, habe der 51-Jährige den Plan gefasst, seine Schwester zu töten. Er habe sofort mit der Planung und Vorbereitung begonnen, was vom Gericht unter anderem anhand der Handyverbindungen genau nachvollzogen werden konnte.

Mütze schilderte, dass der Angeklagte sich am Montag, 6. Oktober, mehrere Stunden in dem Kleingarten seines Schwiegersohnes in Wiesbaden aufhielt, wo einen Monat später die Leiche seiner Schwester gefunden wurde. Anschließend kaufte er in Offenbach eine Schubkarre, mit der er die Leiche transportieren wollte.

Urteil im Savasci-Prozess

Am frühen Morgen des 7. Oktober fuhr der Mann nach Kassel und lauerte seiner Schwester vor ihrer Wohnung an der Pfeifferstraße auf. Er schlug sie und zwang sie, in einen Caddy einzusteigen. Gemeinsam fuhren sie auf die A 7. Bei Felsberg hielt er in einem Waldstück und erschoss seine gefesselte Schwester. „Es war von vornherein alles auf eine Tötung angelegt“, sagte Mütze.

Das sagt die Stadt: "Unmenschliche Tat"

Mehtap Savasci war seit 2001 bei der Stadt Kassel beschäftigt, zuletzt im Ausländeramt. Oberbürgermeister Bertram Hilgen übermittelte gestern nach dem Urteil eine Stellungnahme: „Der gewaltsame Tod unserer geschätzten Mitarbeiterin hat uns alle tief erschüttert. Eine junge, sympathische und moderne Frau musste sinnlos sterben, weil sie sich stärker an unserer Lebenswelt und Kultur orientiert hat“, sagte Hilgen.

Die Vorsitzende des Gesamtpersonalrats, Fazilet Karakas-Blutte, sagte: „Unsere Kollegin Mehtap wurde getötet, weil sie selbstbestimmt leben wollte.“ Frauen, die in einer ähnlichen Situation seien wie Mehtap Savasci es war, ermutigte sie, sich Hilfe bei Beratungsstellen zu holen.

Lesen Sie dazu auch:

Urteil im Savasci-Prozess: Erleichterung bei Mehtaps Freundinnen

Urteil im Savasci-Prozess: Lebenslang für Bruder

Savasci-Prozess: Fragen und Antworten rund um den Fall

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.