Gräber werden kartografiert und erforscht

Schätze auf dem Friedhof: Grabmale auf dem Lutherplatz

Hans Helmut Horn - hier am Grab von Lotte Grimm (1793-1833), Schwester der Brüder Grimm und Frau des Ministers Ludwig Hassenpflug, – liegt der Lutherplatz am Herzen.

Kassel. Es ist ein Schatz von kulturhistorischem Wert, der nur wenigen Kasselern bewusst ist. Auf dem 15.000 Quadratmeter großen Lutherplatz, der bis 1843 drei Jahrzehnte lang als „Altstädter Friedhof“ der Hauptfriedhof der Stadt war, liegen berühmte Persönlichkeiten der Stadtgeschichte begraben.

Prominent sind etwa die Gräber der Grimm-Frauen: Dorothea, die Mutter der Geschwister Grimm, wurde hier beigesetzt, Lotte, die Schwester sowie Marie Elisabeth, die Frau des Maler-Bruders Ludwig Emil. Es sind heute Ehrengräber der Stadt Kassel. Aber auch Oberbürgermeister Karl Schomburg (1791-1841) ist hier beerdigt ebenso wie der Uhrmacher und Entdecker der Logarithmen, Jost Bürgi.

Lexikon-Wissen

Das Kurfürstengrabauf dem Altstädter Friedhof

Im Kurfürstengrab sind Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen, Gattin des Kurfürsten von Hessen, Wilhelm I. Auguste Friederike Christine von Hessen, Frau von Wilhelm II., ihre Tochter Karoline Friederike Wilhelmine und Gräfin Luise von Hessenstein begraben. Mehr zu den Gräbern lesen Sie hier im Regiowiki der HNA.

Wieviel Gräber sind es, die sich unter den imposanten, teilweise stark verwitterten Monumenten befinden? „Wir stehen hier auf den Resten von Tausenden Menschen“, sagt Kirchenvorsteher Hans Helmut Horn. Unter seiner Federführung hat sich der Kirchenkreis Kassel Stadt-Mitte die Aufgabe vorgenommen, eine Karte der Gräber zu erstellen. Auch ein Internetauftritt ist in Arbeit. Er stützt sich dabei auf einen Plan der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal von 1981 mit 80 verzeichneten Grabstätten. Auf den ersten Blick ist zu sehen, dass nicht alle Gräber eingezeichnet sind. Die Angaben sind mager. „Grabmal Weidemeyer“ ist zu lesen oder: „Sockel eines Säulendenkmals“. „Wir möchten den Lutherplatz erforschen und Infos zusammentragen“, sagt Horn. Wichtige Quelle sind dabei die Forschungen von Hans-Dieter Stolze, Historiker und langjährigem Pfarrer an der Lutherkirche.

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Ludwig I. spendete Universalhistoriker Grabmal auf Kassels Lutherplatz

Der Lutherplatz steckt voller Geschichten. Tragisch ist die vom Schwarzen Ritter: An der Ecke Lutherstraße/Mauerstraße ist das markante Grabmal von Christian von Eschwege zu sehen. Dem 1793 in Reichensachsen geborenen Jagdjunker des Kurfürsten war die Ehre zuteil, den Leichenzug zur Beisetzung Wilhelms I. von der Stadt zur Löwenburg als Totenritter in schwarzer Rüstung anzuführen. Weil er unter der Rüstung geschwitzt hatte, zog er sich eine Erkältung zu, an der er im Juli 1921 im Alter von 27 Jahren starb.

Schätze auf dem Friedhof: Grabmale auf dem Lutherplatz

Hintergrund: Altstädter Friedhof

1564 war der Kasseler Friedhof vor dem Hohen Tor eingerichtet worden, damals vor den Toren der Stadt. Er hieß „alter Kirchhof“. Weil es keinen Platz zum Ausbreiten gab, wurde der Altstädter Friedhof am 30. Juni 1843 geschlossenund durch den Hauptfriedhof an der Holländische Straße ersetzt.

Von Christina Hein

Aus dem Archiv

Da war’n die Engel weg: Grabmale von Mitgliedern der Familie Grimm auf dem Lutherplatz werden restauriert

„Das war erst einmal ein Schock“, sagt Pfarrer i. R. Hans-Dieter Stolze: Die Grabsteine war’n weg.

Der Lutherplatz und im Besonderen die Grabstätten der Familie Grimm, die hier, auf dem einstigen Altstädter Friedhof, ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, liegen Stolze, dem ehemaligen Pfarrer an der Lutherkirche, besonders am Herzen. Als er bei seinem jüngsten Rundgang über den Kirchplatz nur noch leere Stellen im Rasen vorfand, habe er einen „Riesenschrecken“ bekommen. Auch der Vorsitzende des Fördervereins Lutherkirchturm, Hans Helmut Horn, den Stolze sofort kontaktierte, konnte sich das Verschwinden nicht erklären. In heutigen Zeiten, wo alles Mögliche, vor allem Metalle auch von Friedhöfen geklaut werden, muss man mit dem Schlimmsten rechnen, so Pfarrer Stolze.

Doch es gab Entwarnung. Mehr noch: Stolze erfuhr nach einiger Recherche eine richtig gute Neuigkeit: Die Grimm-Gräber, darunter das Ehrengrab der Stadt Kassel von Mutter Dorothea Grimm, werden zurzeit restauriert. Gott sei Dank - so die Reaktion von Horn und Stolze. Man habe leider versäumt, die evangelische Kirche, die Eigentümerin des Lutherplatzes, zu informieren, entschuldigt sich die Leiterin des städtischen Umwelt- und Gartenamts, Regula-Maria Ohlmeier. Ihre Mitarbeiter hatten die Grabsteine bereits im September abbauen lassen und zum Kasseler Steinmetz Friedrich Gerloff transportiert.

Dort werden nun die verwitterten Grabmale von Grimm-Mutter Dorothea (1755 - 1808), von Schwester Lotte, verheiratete Hassenpflug (1793 - 1833), der Frau des Maler-Bruders Ludwig Emil, Marie (1803 - 1842), sowie eine Grabstätte der Familie Hassenpflug wieder aufpoliert. Gerloff hatte die Ausschreibung gewonnen, so Ohlmeier.

Die Gräber von Schwester Lotte und Schwägerin Marie zieren zwei wertvolle Bronze-Engel, die der Kasseler Bildhauer Werner Henschel (1782 - 1850) gestaltet hat. Das Grab der Mutter haben die Brüder Grimm selbst in Auftrag gegeben und häufig besucht. Zu den Gesamtkosten machte Ohlmeier keine Angaben. Nur so viel: Noch in diesem Jahr werden die Arbeiten an den Sandsteinen abgeschlossen sein. „Im Frühjahr richten wir die Gräber mit einer neuen Bepflanzung schön her und werden uns dann den gesamten Lutherplatz vornehmen.“ Für eine Info-Tafel im Stil des Kulturleitsystems suche man noch Sponsoren.

Da waren sie das letzte Mal für Restaurierungsarbeiten abgebaut: Die von Werner Henschel (1782 - 1850) gestalteten Bronze-Engel für das Grab von Grimm-Schwester Lotte (linker Engel) und Marie, Ludwig Emils Frau, im Jahr 1957 in der damaligen Henschel-Werkstatt. Dritter von links ist Ausbilder Wöhler.

Von Christina Hein

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