Blechkassette aus Wohnhaus

Schatz im Grundstein: Blechkassette gibt seltenen Einblick in Stadtgeschichte

+
Zeitungen, Münzen, eine Zigarre und Fotos: Das ist der Inhalt einer Blechdose, die als Zeitkapsel bei der Grundsteinlegung mit eingemauert wurde. Wie die Erinnerungsstücke aus dem Jahr 1905 wieder ans Tageslicht kamen, ist ein Rätsel. Repros: Koch 

Kassel. Mehr als 100 Jahre alt sind die Dokumente, die bei der Grundsteinlegung eines Hauses an der Holländischen Straße 45 eingemauert wurden. Die faszinierenden Zeugnisse aus dem Leben unserer Vorfahren werden im Stadtarchiv verwahrt. Wie sie dort hinkamen, ist ein Rätsel.

Das Haus Holländische Straße 45 ist ein typischer Nachkriegsbau. Im Erdgeschoss gibt es einen türkischen Friseurladen, darüber Wohnungen. Nicht weit von der Universität entfernt, typisch Nordstadt. Für Kassels neuen Stadtarchivar Dr. Stephan Schwenke ist dieser Abschnitt der Holländischen Straße ein Fenster in die Vergangenheit. In den Beständen des Archivs befindet sich nämlich eine sogenannte Zeitkapsel. Die schlichte Blechkassette wurde bei der Grundsteinlegung des Hauses im Jahr 1905 mit eingemauert. Wie sie wieder ans Tageslicht kam, ist ein Rätsel. In den Unterlagen des Archivs ist lediglich vermerkt, dass es sich um eine Schenkung aus dem Jahr 1987 handelt.

Der Inhalt der Zeitkapsel ist nicht nur für einen Archivar ein Schatz. In der Kassette befanden sich drei Tageszeitungen, darunter das Casseler Tageblatt vom 12. Mai 1905. Um den Aufstand in Deutsch-Südwest-Afrika ging es damals auf der Titelseite, um eine Reise des Kaisers und die Reichsfinanzreform.

Karte: Die Holländische Straße 45

Der Bauunternehmer Ferdinand Briebach hat damals als Bauherr die Zeitkapsel akribisch bestückt. Sogar das Etikett der Weinflasche (ein Enkircher Steffensberg Auslese von der Mosel), die damals zur Grundsteinlegung geöffnet wurde, lag in der Dose. Weitere Beigaben waren einige Münzen, ein Pfeifenstiel und eine Zigarre.

Briebach hatte zu dem besonderen Anlass Fotos von sich und seiner Frau Laura beim Kasseler Fotografen Carl Hoppmann machen lassen. In einem Begleitschreiben gibt Ferdinand Briebach detailliert Auskunft über seine Familie. Der Vater war der 1823 geborene Zimmermann Johann Christian Briebach, der das Baugrundstück 1858 erwarb. Seine Mutter „Gertrude Briebach, geborene Hahn, wurde am 9ten October 1829 geboren und erfreut sich heute noch im ihrem 76ten Lebensjahre einer guten Gesundheit und geistigen Frische“.

Spurensuche in der Nordstadt: Die Holländische Straße 45 heute. Foto:  Siemon

Vater, Mutter, Tante, Kinder: Über zahlreiche Familienmitglieder gibt Ferdinand Briebach Auskunft. Ab 1907 wird er im Adressbuch der Stadt als Besitzer des Hauses Holländische Straße 45 geführt. Er wohnte mit seiner Familie in der sogenannten Beletage, dem repräsentativen ersten Obergeschoss. Im Erdgeschoss gab es das Schreib- und Lederwarengeschäft Heine und den Blumenhändler Müller. Im 2. Stock wohnte die Witwe Nolda, im 3. der Regierungssekretär Kerstens und oben der Drogist Ebert und der Bildhauer Reith.

Neben den Fotos der Familie Briebach fand sich in der Zeitkapsel auch das Bild eines langjährigen Mitarbeiters. Es handelt sich um den Polier Theodor Groszek, „welcher seit Gründung dem Geschäft angehört, also schon annähernd 17 Jahre täthig war“. Das sei eine besondere Form der Wertschätzung, die nicht üblich war, sagt Stadtarchivar Schwenke. In den Unterlagen hat er nichts darüber gefunden, dass das Haus im Krieg zerstört wurde. Möglicherweise wurde es später abgerissen. Ferdinand Briebach hat mit seiner Zeitkapsel dafür gesorgt, dass es nicht in Vergessenheit geriet.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.