Dieter Höfkers Plattenladen

Schatzkammer der schwarzen Scheiben: Scheibenbeißer wird 25

Vinyl-Panorama von Krautrock bis Lana Del Rey: Dieter Höfker hat im Plattenladen „Scheibenbeißer“ über 20 000 LPs im Angebot. Sammler und Fans aus ganz Deutschland gehen in dem Geschäft an der Fünffensterstraße 6 auf Schatzsuche. Foto:  Schwarz

Kassel. Musikkäufer bedienen sich zunehmend aus dem Netz, der Tonträger-Umsatz in Ladengeschäften ist 2012 erstmals hinter den Onlineverkauf zurückgefallen. Da klingt es wie aus ferner Zeit, wenn sich ein Musikgeschäft noch als „Plattenladen“ versteht.

So ein Laden ist der „Scheibenbeißer“ an der Fünffensterstraße, der sein 25-jähriges Bestehen feiert und allen Streaming- und Downloadtrends zum Trotz die gute alte Vinylscheibe in Ehren hält.

Etwa 20 000 LPs hat Inhaber Dieter Höfker im Angebot, darunter etliche extrem rare Stücke. Aus ganz Deutschland kommen Sammler zum Stöbern, und wenn documenta ist, bevölkern Klang-Enthusiasten aus aller Welt den Laden. „Die Auswahl macht’s“, sagt Höfker. Mit dem Aufkommen der CDs in den Achtzigern hätten viele Musikfreunde ihre Plattensammlungen verkauft, aber anders als erwartet habe sich die Vinylscheibe beständig am Markt gehalten.

Von Musikliebhabern werde sie wegen ihres breiten Klangspektrums geschätzt – „jedes Digitalisieren schneidet da ja etwas ab“, sagt der 61-Jährige. Für Orignialpressungen mit noch analoger Aufnahmetechnik geben echte Fans bei Höfker mitunter mehrere hundert Euro aus. Und ein eigenes Kunst- und Sammelobjekt sind nach wie vor die Pappcover legendärer LP-Alben, die oft mit Gimmicks wie Wackelbildern, eingelegten Postern oder Aufklapp-Szenerien ausgestattet waren.

Auch CDs gibt es bei Scheibenbeißer auf etwa der halben Ladenfläche. Die Silberlinge, denen noch der Ruf des moderneren Tonträgers anhaftet, werden inzwischen aber vorwiegend von in die Jahre gekommenen Musikfreunden verlangt, berichtet Höfker: „Die Jüngeren laden ihre Musik mehr und mehr direkt aus dem Netz herunter.“

Doch jeder Trend trägt auch den Gegentrend in sich: Der mechanische Plattenteller, auf den man eine schwarze Scheibe legt, gilt laut Höfker bei einer wachsenden Schar junger Musikfans als hip und exotisch. Mittlerweile komme praktisch jede relevante Neuerscheinung wieder alternativ auf Vinyl heraus – so auch das Album „Sadnecessary“ des Kasseler Erfolgsduos Milky Chance. „Selbst Helene Fischer gibt’s als LP“, sagt Höfker. Der neueste Trend sei das Doppelpack aus CD und LP – die erstere fürs Auto, die zweite für die genussvolle Hör-Zeremonie daheim auf dem Plattenteller.

Die richtigen Schätze in Höfkers Fundus sind älteren Jahrgangs. Von 1963 ist die deutsche Mono-Erstpressung „With The Beatles“ – 180 Euro müssen eingefleischte Fans der Fab Four dafür anlegen. Nicht ganz so tadellos erhalten, dafür 30 Euro günstiger ist der Mitschnitt der „Twist Battle Party“ regionaler Bands von 1964 in der Kasseler Stadthalle, die vielen ehemaligen Rebellen der Generation 60 plus in Nordhessen als kultisches Ereignis ihrer persönlichen Musikbiografie gilt.

Von Axel Schwarz

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