Überschlag in über zehn Metern

Kasseler besitzt erste deutsche Extremsport-Schaukel

Kassel. Wenn Bastian Kunz schaukelt, kann Superman einpacken. Der 33-jährige Sportlehrer aus Kassel hat Deutschlands erste Kiiking-Schaukel aufgestellt. Kiiking ist ein Extremsport aus Estland, bei dem sich die Schaukelnden allein durch die Muskelkraft in bis zu 14 Metern Höhe überschlagen.

Im Garten des Sportlehrers steht die acht Meter hohe Schaukel.

Wer an der Mörikestraße im Stadtteil Fasanenhof vorbeikommt, sieht hinter der Häuserzeile hin und wieder eine Person am Himmel stehen, die kopfüber in die Tiefe stürzt. Die Nachbarn haben sich an den Anblick gewöhnt. Andere bleiben fassungslos stehen oder machen eine Vollbremsung auf der Straße, wie Kunz erzählt.

„Der Trick ist, sich im richtigen Moment aufzurichten und wieder in die Knie zu gehen. Da sind Zehntel entscheidend“

Die Kiiking-Schaukel funktioniert im Grunde nicht anders, als die kleinen Modelle auf den Spielplätzen. Es gibt aber auch Unterschiede. Es wird stehend geschaukelt und Ziel ist es, einen Überschlag zu schaffen. Damit dieser ohne Verletzungen möglich ist, sind Hände und Beine mit Spanngurten und Schlaufen an der Schaukel fixiert.

Statt an Ketten ist das Brett mit Rohren am Gestell befestigt. Sowohl das Gestell wie die Arme der Schaukel lassen sich in der Höhe verstellen. Je länger der Abstand vom Brett bis zur Achse der Schaukel ist, desto schwieriger wird der Überschlag. Beim Wettkampf geht es darum, den Überschlag in möglichst größter Höhe zu schaffen.

Der Nachwuchs trainiert: Bastian Kunz (links) und Johannes Limmeroth schnallen Kara Legrand (10) an der Schaukel fest.

Der 33-Jährige hatte von Kiiking über ein Internet-Video erfahren. Weil er an Trendsporten interessiert ist, nahm er Kontakt mit den Sportlern in Estland auf. Im Mai vergangenen Jahres reiste er dann nach Tallinn und war sofort begeistert von der Erfindung der Esten.

Diesen Sommer bestellte sich Kunz selbst eine Kiiking-Schaukel in Estland und ließ sie sich mit dem Lkw liefern. Kostenpunkt: 4000 bis 5000 Euro. Seit wenigen Wochen ist sie im Garten einbetoniert.

„Der Trick ist, sich im richtigen Moment aufzurichten und wieder in die Hocke zu gehen. Da sind Zehntel entscheidend“, sagt Kunz. Um die Übelkeit in Grenzen zu Halten, empfiehlt Kunz, beim Schaukeln immer wieder auf den Horizont zu schauen. Wer es selbst ausprobiert, merkt, wie schwer die Orientierung fällt, wie der Wind in den Ohren saust und wie unglücklich der Magen darüber ist. Kunz schafft den Überschlag in bis zu 11,5 Meter Höhe.

Bilder der Schaukel

Überschlagsschaukel in Kasseler Garten

Erster deutsche Verein

Gemeinsam mit dem Sportlehrer Johannes Limmeroth hat er inzwischen den ersten deutschen Kiiking-Verein gegründet. Bislang trainieren dort nur wenige Mitglieder aus Stadt und Landkreis Kassel zweimal wöchentlich - im Winter nur bei guter Witterung. Deshalb wird auch noch eine geeignete Halle gesucht.

„Unser Plan ist es, auch an Wettkämpfen teilzunehmen. Dafür muss sich der Sport aber stärker verbreiten“, sagt Kunz.

Hintergrund

 Die Trendsportart Kiiking hat ihren Ursprung in Estland. Kiik heißt auf Estnisch Schaukel. Vor über zehn Jahren hat sich der Sport dort entwickelt. Er hat seinen Ursprung in der landestypischen, jahrhundertealten Schaukeltradition. Auf estnischen Dorfplätzen stehen Holzschaukeln, die seit jeher vor allem im Stehen benutzt werden. Es gibt Kiikingschaukeln in drei bis acht Metern Höhe. Der Rekord beim Kiiking beträgt 7,02 Meter. Dieser Wert gibt den Abstand zwischen Brett und Schaukelachse an. Der Sportler schwingt sich damit also auf 14 Meter Höhe. (bal)

Verein gegründet Die Mitglieder des Kiiking Vereins „SV Iron Wolfgang Kiiking Nordhessen“ trifft sich zweimal wöchentlich zum Training – auch in Vellmar. Der Verein sucht noch nach einer Halle für das Wintertraining, das bislang nur bei guter Witterung möglich ist. Auch werden Sponsoren gesucht, die die Schaukeln dauerhaft finanzieren. Die Schaukel ist mobil und wird auch für Veranstaltungen vermietet. E-Mail: kiiking@dtsb.de Tel.: 0561/ 202 88 35

Von Bastian Ludwig

Rubriklistenbild: © Foto: Fischer

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