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Philipp Scheidemanns Nachlass für Kassel

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Von: Thomas Siemon

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Schenkung für das Stadtmuseum: Marion Pirschel ist die Ururenkelin von Philipp Scheidemann. Sie hat große Teile des Nachlasses nach Kassel gebracht.
Schenkung für das Stadtmuseum: Marion Pirschel ist die Ururenkelin von Philipp Scheidemann. Sie hat große Teile des Nachlasses nach Kassel gebracht. © Andreas Fischer

Die Ururenkelin von Philipp Scheidemann hat dem Kasseler Stadtmuseum eine goldene Taschenuhr, Fotos, Kleidungsstücke und andere Erinnerungsgegenstände an den ehemaligen Oberbürgermeister übergeben.

Kassel – Wer verschenkt schon eine wertvolle goldene Taschenuhr vom Schweizer Nobelhersteller Ulysse Nardin? Die 56-jährige Marion Pirschel hat das gemacht und gleich noch eine Vielzahl weiterer Erinnerungsstücke vom Bodensee nach Kassel gebracht. Auch wenn man das der gebürtigen Schwäbin wirklich nicht anhört: Sie ist Ururenkelin des Kasseler Urgesteins Philipp Scheidemann. Jenes SPD-Politikers, der 1918 die Weimarer Republik ausrief, der später Oberbürgermeister in Kassel war und sich auch mit Mundartgeschichten als Henner Piffendeckel einen Namen gemacht hat.

Das Kasseler Stadtmuseum ist ab sofort um eine Schenkung aus dem Nachlass von Philipp Scheidemann reicher. „Ich wollte, dass die Sachen in gute Hände kommen“, sagt Marion Pirschel. Ihre Großeltern sind vor vielen Jahren von Berlin an den Bodensee gezogen. Sie haben Fotos, Dokumente, Urkunden, Ringe, Kleidungstücke und vieles mehr aus dem Nachlass des bekannten Politikers mitgenommen. Marion Pirschel hat das Haus ihrer Oma übernommen und zusammen mit einer Freundin die Sachen sortiert. Die politische Korrespondenz geht nach Berlin zur Friedrich-Ebert-Stiftung, die privaten Dinge nach Kassel.

Hier ist Philipp Scheidemann in der Altstadt aufgewachsen, hat eine Lehre als Schriftsetzer gemacht und sich früh in der Politik engagiert. Einige private Fotos stammen aus seiner Jugend, einige von der Tanzschule einer seiner Töchter, ein anderes zeigt ihre Schulklasse. Nicht alle Motive konnten bislang zweifelsfrei zugeordnet werden. Da kommt noch einiges an Arbeit auf die Fachleute vom Stadtmuseum zu. Es gibt aber auch Fotos, die auf den ersten Blick den Bezug zu Kassel erkennen lassen. Unter anderem vor dem Herkules hat sich Scheidemann ablichten lassen. Zur Erinnerung: Bei einem Spaziergang im Bergpark hat er nur ganz knapp ein Attentat von Rechtsradikalen mit Blausäure überlebt. Später trieben ihn die Nazis ins Exil. Er starb 1939 in Kopenhagen. Zu den Erinnerungsstücken gehört auch ein Reisekoffer, den Scheidemann wohl auf dem Weg von Kassel nach Dänemark benutzt hat. Einen weiteren hat seine Ururenkelin behalten.

„Wir sind sehr dankbar, dass wir diesen Familienschatz in unsere Sammlung aufnehmen können“, sagt Kai Füldner, der Leiter des Stadtmuseums. Die persönlichen Gegenstände von der goldenen Taschenuhr über Brillen und Kleidungsstücke sollen zumindest teilweise präsentiert werden. Und zwar gleich im Eingangsbereich des Museums, wo die Neuzugänge ausgestellt sind.

Mit dem Erbe von Philipp Scheidemann, der bereits Bestandteil der Dauerausstellung ist, werde man pfleglich umgehen, versprach Kulturdezernentin Susanne Völker, die sich ausdrücklich bei der Scheidemann-Nachfahrin Marion Pirschel für die großzügige Schenkung bedankte.

Die zeigte sich gestern erleichtert. Der Nachlass habe für sie in erster Linie Verantwortung bedeutet. Jetzt sei sie froh, die Dinge abgeben zu können. Alles sei sorgsam gepflegt und in einem hervorragenden Zustand, so die Fachleute vom Stadtmuseum. Das gilt auch für die goldene Taschenuhr, die so glänzt wie vor 100 Jahren. (Thomas Siemon)

Aus dem Nachlass: ein Reisekoffer mit Bügel.
Aus dem Nachlass: ein Reisekoffer mit Bügel. © Fischer, Andreas
Selbst die Originalhülle ist noch da: die goldene Taschenuhr von Scheidemann.
Selbst die Originalhülle ist noch da: die goldene Taschenuhr von Scheidemann. © Fischer, Andreas

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