Zeugen sagen im Prozess aus

Schießerei auf A49: Beleidigung wie üblich

Kassel. „Wenn Sie wollen“, bot der junge Mann an, „kann ich mich hier wieder betrinken. Und er auch. Und dann spielen wir das nach.“ Ganz ernst war das nicht gemeint, was der 23-jährige Zeuge am Freitag im Prozess um die Schießerei auf der A 7 zum Besten gab.

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Doch eigentlich war seine Idee gar nicht so schlecht. Denn aus den Erzählungen der Beteiligten ließ sich kaum herauslesen, was sich in jener Augustnacht 2009 vor der Diskothek „Plasa“ in Korbach zugetragen hat. Und vor allem: Warum es der Grund für die späteren Schüsse an der Autobahnabfahrt Kassel-Auestadion gewesen sein könnte.

Zum gestrigen vierten Verhandlungstag gegen den jungen Schützen, dem die Staatsanwaltschaft unter anderem versuchten Mord zur Last legt, hatte das Landgericht die Fahrer und Beifahrer der beiden in die Auseinandersetzung verwickelten Autos geladen: Aus einem Ford Fiesta soll der 23 Jahre alte Angeklagte beim Vorbeifahren viermal auf den S-Klasse-Mercedes seiner Widersacher geschossen und zwei Insassen verletzt haben.

„Ich dachte nur: Oh, mein Gott!“, sagte die 24-Jährige, die den Kleinwagen gesteuert hatte. Sie habe Zugluft gespürt, weil der auf der Rückbank sitzende Angeklagte das Fenster geöffnet habe. Und dann habe sie auch gleich die vier Schüsse gehört, „kurz hintereinander“. Aber gesehen habe sie nichts, beteuerte sie, auch den Schützen nicht zur Rede gestellt. „Ich hatte dann, ehrlich gesagt, einen Schock.“ Und auch der 23-Jährige sei auf einmal ganz ruhig gewesen: „Er wusste, glaube ich, selber nicht, was er da getan hat.“

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Vorher dagegen habe sich der Mann noch fürchterlich aufgeregt über den Streit vor der Disko und den Mercedes deshalb am liebsten sogar verfolgt. „Er hat sich da immer mehr reingesteigert“, erinnerte sich die Frau.

Einen Grund für eine derartige Wut scheint es nicht gegeben zu haben – immerhin darin stimmten die Schilderungen der Zeugen beider Seiten überein. Auch wenn sie derart viele Ungereimtheiten von sich gaben, dass Kammervorsitzender Volker Mütze die Geduld verlor und mit Verfahren wegen Falschaussagen drohte.

Den Streit auf dem Diskoparkplatz vom Zaun gebrochen hatte offenbar der 23-Jährige, der dem Gericht nun das Testbesäufnis vorschlug. Statt ihn zu grüßen, sagte der Mann, habe ihn der Angeklagte – ein entfernter Bekannter – nur angeglotzt. „Er hat mich so provozierend angeguckt.“ Deshalb habe er gefragt: „Was guckst du?“ und sei auf ihn zugegangen. „Wir haben uns auch beleidigt“, gab er zu. „Also ich auf jeden Fall ihn.“ Und wie? „Vielleicht Wichser oder Hurensohn“, überlegte der Zeuge. „Das ist so üblich bei uns.“

Der Prozess wird am nächsten Freitag fortgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

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