Schläge für Zivilcourage

Mann hilft Betrunkenem und wird bewusstlos geschlagen

Wurde verletzt, als er einem Betrunkenen an der Wilhelmshöher Allee helfen wollte: Markus S. kann nicht fassen, dass Passanten an der Haltestelle ihm nicht zu Hilfe kamen. Foto:  Pflüger-Scherb

Kassel. „Da möchte man helfen und wird selbst zum Opfer“, sagt Markus S. Er hat sich tagelang darüber Gedanken gemacht, ob er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen soll. Es ist seine Geschichte von einem Ersthelfer, der nicht weggeschaut hat und dann Opfer einer Gewalttat wurde.

Als der 40-jährige Kasseler am Wochenende einen Bericht gelesen hat, dass es immer weniger Ersthelfer in Deutschland gibt, hat er sich dazu entschlossen. „Alle regen sich darüber auf, dass die Menschen immer weggucken, wenn etwas passiert.“

Markus S. hat am vergangenen Mittwoch, 19. September, 18 Uhr, nicht weggeschaut. Im Gegensatz zu anderen, die nebenan an der Haltetstelle standen. Es war noch hell. Markus S. wartete in einem Kosmetikstudio in Höhe der Wilhelmshöher Allee 296 und guckte nach draußen.

Dort sah er, dass ein Mann leblos auf dem Parkplatz lag. Zwei andere Männer hätten an ihm gezerrt. S., der gelernter Krankenpfleger ist, wollte schauen, ob der Mann einen Arzt braucht. Er habe ja auch nicht gewusst, in welcher Beziehung der Hilflose zu den beiden Männern steht.

Erst sei er nach draußen gegangen und habe gerufen, ob jemand Hilfe benötige. Dann sei er zu dem Mann hingegangen und habe sich über ihn gebeugt. „Ich wollte schauen, ob er bewusstlos ist oder Schaum vor dem Mund hat.“ Schnell habe er gemerkt, dass der Mann zwar bei Bewusstsein, aber dafür erheblich alkoholisiert war. S. fragte, ob er einen Arzt rufen soll. Der Betrunkene habe nur gelallt. Einer der beiden anderen sagte, sie würden den Mann ins Auto setzen.

Markus S. ging davon aus, dass der Betrunkene noch selbst fahren sollte und konterte deshalb, dass dieser dazu nicht in der Lage sei. Diese Widerworte kamen bei den Männern, einer habe einen Boxer dabeigehabt, nicht gut an. Einer sagte zu Markus S., er solle verschwinden; der Mann mit dem Boxer fragte: „Was willst du?“ Er habe realisiert, dass die Situation aus dem Ruder läuft, sagt Markus S. und sei zurück zum Kosmetikstudio gelaufen. Einer der beiden Männer sei hinterhergekommen. Als er die Hand bereits an der Tür gehabt habe, habe er nur noch einen Schlag am Hinterkopf gespürt, sagt der 40-Jährige.

Er sei in den Laden gefallen und einen kurzen Moment bewusstlos gewesen. Der Mann mit dem Boxer habe im Laden gestanden und sei erst verschwunden, als die Kosmetikerin ihn verscheucht habe. Markus S., der nur helfen wollte, hat nun eine Platzwunde und Kopfschmerzen, Jochbein und Unterkiefer sind geschwollen, zudem hat er ein Tinnitus-Geräusch auf dem linken Ohr. Der 40-Jährige kann nicht fassen, dass so etwas um 18 Uhr auf der Wilhelmshöher Allee passiert, wo viele Leute einfach nur zuschauen.

Die Polizei ermittelt gegen die Männer wegen Körperverletzung. Laut Sprecher Wolfgang Jungnitsch soll es sich um Stammgäste des benachbarten Bierlokals handeln.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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