Revisionsprozess: 21-Jähriger erneut vor Gericht

Revisionsprozess: Schlägerei endete mit Schädelbruch

Kassel. Der Angeklagte übt sich in Demut. „Als Erstes“, sagt der 21-Jährige, „möchte ich um Entschuldigung bitten, dass ich letztes Mal nicht die Wahrheit gesagt habe.“ Als er sich im Juni 2010 zum ersten Mal wegen einer brutalen Kneipenschlägerei vor dem Kasseler Landgericht verantworten musste, habe er gelogen.

Damals hatte er behauptet, nicht einmal die Bar an der Unteren Königsstraße zu kennen, in der er einen 44-Jährigen mit einem Barhocker halb tot geschlagen haben soll. Geschweige denn, an jenem Januarabend 2010 dort gewesen zu sein. Trotzdem war er am Ende zu einer dreijährigen Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden.

Sein 46-jähriger Kumpel, der bei der Auseinandersetzung sein Messer gezückt hatte, musste für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Während das Urteil gegen den Älteren rechtskräftig wurde, hob der Bundesgerichtshof die Entscheidung gegen den Jüngeren später als zu milde auf: Die Staatsanwaltschaft, die sieben Jahre Gefängnis wegen versuchten Totschlags gefordert hatte, hatte erfolgreich Revision beantragt. Und deshalb muss gegen den jungen Mann nun noch einmal neu verhandelt werden.

Jungenhaft grinsend sitzt der 21-Jährige auf der Anklagebank. Von hinten soll er den Barkeeper der Kneipe niedergestreckt haben, die massiv hölzerne Sitzfläche eines Barhockers soll den 44-Jährigen am Kopf getroffen haben.

Mit dramatischen Folgen, erzählt das Opfer. Der Schädel splitterte, Nervenstränge am Kopf wurden durchtrennt, die linke Körperseite ist noch heute leicht gelähmt. „Ganz normale Dinge fallen mir schwer“, sagt der Mann, der seit jenem Abend nicht mehr arbeiten kann und von Hartz IV lebt.

Mit dem älteren seiner beiden Widersacher hatte er im Clinch gelegen: Er wollte die Tanzbar unter der Kneipe wieder eröffnen – und dem 46-Jährigen, der diese Räume für seinen Dartverein gemietet hatte, war darum gekündigt worden. Am Tattag eskalierte der Streit. Mit den Worten „Los, wir klären das jetzt“ sollen der 46-Jährige und sein Gefährte in die Bar gekommen sein und ihr Opfer sofort attackiert haben.

Und diesmal gibt der 21-Jährige zu, dabei gewesen zu sein. Aber er habe nicht etwa hinterrücks zugeschlagen, sondern nur zwei Barhocker geworfen – zur Verteidigung. Denn nicht er und sein Freund seien aggressiv gewesen, sondern ihr Gegenüber. „Er hat uns angegriffen und nonstop mit Flaschen geschmissen.“ Also: Notwehr. Ist das nun die versprochene Wahrheit? Staatsanwalt Müller meint Nein: „Ich glaube Ihnen kein Wort!“ Am Montag wird das Urteil erwartet. (jft)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.