Heute kämpft er gegen Gewalt an Schulen

Vor elf Jahren: Ein Fausthieb machte Christoph Rickels zum Schwerbehinderten

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Vor elf Jahren wurde er fast totgeprügelt – heute nutzt er die Öffentlichkeit, um Jugendliche über die Folgen von sinnloser Gewalt aufzuklären: Christoph Rickels zu Besuch in der August-Zinn-Schule in Kassel.

Kassel. Vor elf Jahren wurde Christoph Rickels zum Gewaltopfer – mit bleibenden Folgen. Jetzt tourt der 31-Jährige für ein Jahr durch Kassels Schulen, um über die Folgen sinnloser Gewalt aufzuklären.

Noch vor elf Jahren hätten viele der Jugendlichen, vor denen Christoph Rickels heute spricht, ihn um sein Leben beneidet: Einser-Sportler, Schulsprecher, Vollblutmusiker und Mannschaftskapitän. Christoph war „cool“, so zumindest kann es der heute 31-Jährige aus den Erzählungen, Bildern und Videos schließen, die man ihm gezeigt hat.

Erinnerungen an sein früheres Leben habe er keine, erzählt Rickels, den heute niemand mehr um sein Leben beneidet. „Ich kann nicht mal mehr gerade laufen“, sagt Rickels zu den Siebtklässlern, die ihm gebannt zuhören. Seine Worte klingen schleppend. Die Hand, mit der er die Videoprojektion an der Wand steuert, ist krampfhaft verdreht. Die eine Körperhälfte komplett gelähmt.

„Ich bin kaputt“, sagt Rickels, dessen Leben 2007 an einem einzigen Abend zerbrechen sollte. Seitdem hat der gebürtige Ostfriese einen Wunsch: „Ich will wieder glücklich sein. Ein ganz normales Leben führen und mich darauf freuen, nach Hause zu kommen.“

Ein Drink wurde Rickels zum Verhängnis

Weil der damals 20-Jährige einer jungen Frau in der Diskothek einen Drink spendiert hatte, trifft ihn auf dem Nachhauseweg der Fausthieb ihres eifersüchtigen Freundes. Mit einer solchen Wucht, dass Rickels das Bewusstsein verliert und mit dem Kopf auf den Steinboden schlägt. Ein weiterer Faustschlag donnert Rickels ins Gesicht. Die Ärzte stellen eine sechsfache Hirnblutung fest. Rickels liegt vier Monate im Koma – bis er als Schwerbehinderter mit halbseitiger spastischer Lähmung und schweren Sprachproblemen wieder erwacht. „Mein Leben begann wie das eines Säuglings“, erzählt Rickels. „Im ersten Moment habe ich meine eigene Mutter nicht erkannt.“

Drei Jahre später wird Rickels aus der Reha-Klinik entlassen. An diesem Punkt hat er alles verloren, was früher sein Leben ausmachte. „Meine Freunde haben mich anfangs noch im Krankenhaus besucht.

Nach dem Koma, als ich wirklich jemanden gebraucht hätte, war niemand mehr da.“ Noch im Krankenhausbett beginnt Rickels, sich einen neuen Lebensinhalt aufzubauen. 2009 gründet er die Initiative „First-Togetherness“ – ein Präventionsprojekt, mit dem er Jugendlichen klarmachen will, dass Gewalt auf keinen Fall cool ist. Rickels geht mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit, startet einen eigenen YouTube-Kanal und ist in den sozialen Medien präsent. Auf eigene Faust stattet er den Schulen in seiner Nähe Besuche ab – und trifft mit seinem Auftreten den Nerv der Schüler.

Ex-Kickboxer Plantera in Reha kennengelernt

In der Reha lernt Rickels den ehemaligen Profi-Kickboxer Ernesto Plantera, Chef des Sicherheitsunternehmens Protex-Sicherheit, kennen. Plantera, der seine Vorbildfunktion selbst seit mehr als 20 Jahren nutzt, um sich für ein gewaltfreies Miteinander unter Jugendlichen einzusetzen, greift Rickels unter die Arme.

Nun wollen die beiden ihr Vorhaben von der Mitte Deutschlands aus angehen. Kassel, so Plantera, solle zum Zentrum der Gewaltprävention werden. „Wie Wellen, verursacht von einem Stein, den man ins Wasser wirft“, so der Kampfsportler.

Hunderten von Schülern wird Christoph Rickels im kommenden Jahr seine Lebensgeschichte erzählen. Ihnen das Überwachungsvideo von der Prügelattacke zeigen und ihnen das Lied vorspielen, das er nur eine Woche vor der Attacke aufgenommen hat. Ihnen dabei klar machen, wie es sich anfühlt, durch einen Faustschlag alles zu verlieren – und so vielleicht seine Zuhörer dazu bewegen, über das Wort „cool“ einmal ein bisschen genauer nachzudenken.

Für Rickels selbst hat Plantera, der mittlerweile Rickels persönlicher Fitness-Coach ist, eigene Pläne: „Nächstes Jahr macht er beim Halbmarathon mit!“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Rickels schmunzelt. „Das sehen wir mal.“

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