Seit Ende Januar im Krankenhaus Rotes Kreuz

Weitere Spezialstation: Bessere Hilfe für Schlaganfall-Patienten in Kassel

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Neue Schlaganfall-Station im Krankenhaus Rotes Kreuz: Chefarzt Dr. Christian Roth im Gespräch mit Patientin Bettina Keßler aus Schauenburg-Breitenbach. Die neue „Stroke Unit“ hat zum Start fünf Betten und soll künftig auf sieben Betten erweitert werden.

Kassel. Seit Ende Januar gibt es in Kassel eine weitere Klinik für Neurologie. Sie wurde im Krankenhaus Rotes Kreuz aufgebaut und soll auch die Versorgung von Schlaganfall-Patienten in der Region weiter verbessern.

Die Zahl der Nervenkrankheiten steigt seit Jahren. Schlaganfall, Epilepsie, Demenz, Parkinson oder Multiple Sklerose sind die Stichworte. Diese Krankheiten bestimmen den Alltag einer wachsenden Zahl von Patienten und deren Angehöriger. 

Um auf den Anstieg neurologischer Diagnosen auch in Nordhessen zu reagieren, hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration die DRK-Kliniken Nordhessen beauftragt, das zusätzliche Angebot in Kassel zu schaffen. 

Schlaganfallpatienten kann zwar in jedem Krankenhaus geholfen werden. In einer spezialisierten neurologischen Klinik sind sie freilich besser aufgehoben. Weil es bei einem Schlaganfall um jede Minute geht, sind spezielle Behandlungsmöglichkeiten und die Expertise von Fachärzten wichtig, um schwere Folgeerkrankungen eines Schlaganfalls weitgehend zu vermeiden. 

„Bislang herrschte im Kasseler Raum eine extreme Unterversorgung im neurologischen Bereich“, sagt Privatdozent Dr. Christian Roth. Der Facharzt für Neurologie, neurologische Intensivmedizin und Notfallmedizin ist neuer Chefarzt der neurologischen Klinik am Rot-Kreuz-Krankenhaus. Roth war zuvor als leitender Oberarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Kassel tätig. Dort war bisher die einzige spezialisierte Schlaganfallstation (Stroke Unit) in der Region angesiedelt, wo Spezialisten rund um die Uhr schnelle Hilfe bei einem Schlaganfall leisten. 

In Kassel gibt es zudem die Paracelsus-Elena-Klinik. Das neurologische Akutkrankenhaus ist Deutschlands größtes und ältestes Zentrum zur Behandlung von Parkinson-Syndromen und Bewegungsstörungen.

Versorgung klappt besser

Fünf zusätzliche Betten stehen seit wenigen Tagen für die Behandlung von Schlaganfall-Patienten in der Region zur Verfügung. Die neue Spezialstation im Krankenhaus Rotes Kreuz soll auf sieben Betten erweitert werden. Damit wird eine Versorgungslücke in der Region geschlossen.

Bisher gab es eine hochspezialisierte „Stroke Unit“ nur im Klinikum Kassel. Die 16 Betten dort reichen inzwischen längst nicht mehr aus. Mehr als 2000 Schlaganfall-Patienten werden jährlich im Schlaganfall-Zentrum des Klinikums behandelt. War die Spezialstation belegt, mussten Patienten in anderen, weniger spezialisierten Krankenhäusern untergebracht werden. Mit der Eröffnung der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie im Krankenhaus Rotes Kreuz reagiert das hessische Sozialministerium auf den gestiegenen Versorgungsbedarf. „Mit der Eröffnung unserer neuen Klinik für Neurologie leisten wir gerne unseren Beitrag zu einer besseren Versorgung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen in unserer Region“, sagt Michael Gribner, Geschäftsführer der DRK-Kliniken Nordhessen.

Chefarzt Dr. Christian Roth hat als ausgewiesener Experte mehr als zehn Jahre in derNeurologie des Klinikums Kassel gearbeitet. Er hat auch weitere neurologische Erkrankungen im Blick. Und will zudem eine Tagesklinik mit vier Betten aufbauen. Dort können Patienten tagsüber genau untersucht und behandelt werden, verbringen aber die Nacht zu Hause. Das ist zum Beispiel für Demenzpatienten wichtig, die mit einer stationären Einweisung ins Krankenhaus und einem völlig neuen Umfeld überfordert würden.

Der neue Chefarzt will dafür sorgen, dass von der breit gefächerten Palette an diagnostischen Untersuchungsmöglichkeiten des nach dem Klinikum zweitgrößten Krankenhauses in Kassel künftig auch neurologische Patienten profitieren können. Ebenso wie von der im Krankenhaus Rotes Kreuz üblichen interdisziplinären Zusammenarbeit der verschiedenen Kliniken.

In den drei weiteren Kasseler Kliniken – Marienkrankenhaus, Elisabeth-Krankenhaus und Diakonie-Kliniken – gibt es keine neurologischen Fachabteilungen.

Christian Roth (42) stammt aus Freudenstadt im Schwarzwald. Nach dem Abitur ließ er sich zum Rettungshelfer ausbilden und studierte anschließend Medizin in Mainz. Seit 2003 war er im Klinikum Kassel tätig, zuletzt als Leitender Oberarzt der Neurologischen Klinik. Roth ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie, zu der zwei Kinder gehören, in Vellmar. In seiner Freizeit schwimmt und läuft er gern. Für das frühere Hobby Gitarrenspiel fehlt dem neuen Chefarzt inzwischen die Zeit.

Das sagt das Ministerium: Versorgung auf hohem Niveau

Das Krankenhaus Rotes Kreuz habe 2017 einen neurologischen Versorgungsauftrag erhalten und könne nun neurologische Notfallpatienten umfassend betreuen, sagt Markus Büttner, Sprecher des hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Damit solle neben dem Klinikum Kassel eine weitere Stroke Unit-Versorgung der Schlaganfallpatienten auf hohem Niveau gewährleistet werden. „Schließlich nimmt das Rot-Kreuz-Krankenhaus auch bisher in erheblichem Maß an der Notfallversorgung teil“, erklärt Büttner. Auf dem Dach des Krankenhauses in Wehlheiden ist auch der Rettungshubschrauber Christoph 7 stationiert.

Vor allem Ältere sind in Gefahr

Dass wir immer älter werden, führt nach Einschätzung von Medizinern zu einer starken Zunahme der Zahl an Schlaganfallpatienten. In Deutschland erleiden jährlich annähernd 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Der Hirninfarkt ist nach Herz- sowie Krebserkrankungen bereits die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. 

Schon vor zehn Jahren kamen die Autoren einer im Ärtzteblatt veröffentlichten wissenschaftlichen Studie zu den Schlaganfallzahlen in Hessen zu alarmierenden Ergebnissen. Die Zahl der jährlichen Schlaganfallpatienten wird laut Hochrechnung in Hessen von derzeit etwa 23.000 bis zum Jahr 2050 kontinuierlich auf über 35.000 steigen. 

Der weit überwiegende Anteil der Schlaganfallpatienten wird dann älter als 74 Jahre sein. Gleichzeitig wird die Anzahl der schwer betroffenen Schlaganfallpatienten ebenfalls überdurchschnittlich zunehmen. Die Schlaganfall-Häufigkeit steigt mit zunehmendem Lebensalter. Fast 80 Prozent der Menschen, die einen Schlaganfall erleiden, sind älter als 60 Jahre. Heute zählt bereits ein knappes Viertel der Bevölkerung zu dieser Altersgruppe. Im Jahr 2050 werden rund 38 Prozent der Deutschen über 60 Jahre alt sein. 

Die Folgen des schlagartig einsetzenden Ausfalls bestimmter Funktionen des Gehirns – verantwortlich dafür ist in den meisten Fällen eine Mangeldurchblutung – sind schwerwiegend. Bis zu 40 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb des ersten Jahres nach dem erlittenen Schlaganfall. 

Ein Jahr nach dem Schlaganfall bleiben rund 64 Prozent der überlebenden Patienten pflegebedürftig. Von ihnen müssen etwa 15 Prozent wegen schwerer Folgeschäden dauerhaft in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden. Der Schlaganfall gilt als der häufigste Grund für erworbene Behinderungen im Erwachsenenalter.

Was tun gegen den Schlaganfall?

Körperlich und geistig rege zu bleiben, verringert das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, sagt Dr. Christian Roth. Wer sich ausreichend bewegt und auch im Kopf fit hält, habe zudem gute Chancen, nach einem Schlaganfall wieder auf die Beine zu kommen. Weiterer wichtiger Tipp des Facharztes: „Nicht rauchen“. Neben dem Rauchen gibt es weitere Faktoren, die das Risiko erhöhen, einen Schlaganfall zu erleiden. Dazu zählen die Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Arteriosklerose, Herzkrankheiten wie Vorhofflimmern, Übergewicht und mangelnde Bewegung, zu hoher Alkoholkonsum und Migräne – bei einigen Formen der Kopfschmerzattacken ist das Risiko für Schlaganfälle erhöht.

Mit FAST-Test gibt es Klarheit in Sekunden

Mit einem Schnelltest können auch medizinische Laien einen Schlaganfall-Verdacht prüfen. Mit Hilfe des FAST-Tests (englisch für schnell) lassen sich die meisten Schlaganfälle innerhalb weniger Sekunden feststellen. Die Buchstaben bedeuten Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit). 

Und so geht’s: 

  • Gesicht: Bitten Sie die Person zu lächeln. Ist das Gesicht dabei einseitig verzogen? Hängt ein Mundwinkel herab? Das deutet auf eine halbseitige Lähmung hin. 
  • Arme: Bitten Sie die Person, beide Arme waagrecht nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sinken oder drehen sich. 
  • Sprache: Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor. 
  • Zeit: Deutet der Test auf einen Schlaganfall hin, wählen Sie sofort den Notruf 112 und schildern Sie die Symptome. Es geht um jede Minute, der Patient muss schnellstens ins Krankenhaus.

Aus dem Archiv: Schlaganfall-Notaufnahme in Kassel

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