Türsteher schlug Diskogänger blutig: Berufungskammer sieht Notwehr - Geldstrafen

Schlagstock war verboten

Kassel. Es ging um Leben und Tod. Fanden jedenfalls die Kontrahenten. Alle beide. „Ich hatte richtig Angst um mein Leben“, sagt der eine – ein 35-Jähriger, der als Disko-Türsteher vor gut einem Jahr einen Gast blutig geschlagen hatte. In Notwehr, wie er meint. Auch sein damaliger Gegenüber nimmt das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch: „Ich habe begriffen“, sagt der 30-Jährige im Kasseler Landgericht, „der schlägt mich tot, wenn ich mich nicht wehre.“

Es ist die zweite Runde im Prozess um die eskalierte Auseinandersetzung vor der Tür eines Kasseler Disko-Clubs. Im November war der Ex-Türsteher in erster Instanz vom Amtsgericht zu einer 15-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Jetzt ging es in die Berufung – und die endete weitaus glimpflicher für den 35-Jährigen: Den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung ließ das Landgericht fallen, so dass nur noch ein Verstoß gegen das Waffengesetz übrig blieb. Und damit eine bloße Geldstrafe von 500 Euro (50 Tagessätze à zehn Euro).

Trotz des hartnäckigen Leugnens des Angeklagten hielt es die Strafkammer für erwiesen, dass der Mann verbotenerweise einen Teleskopschlagstock benutzt hatte. Auch an den Schlägen, mit denen er seinem Widersacher fünf klaffende Platzwunden an Kopf und Händen beigebracht hatte, gab es keinen Zweifel. Doch die, erklärte Kammervorsitzender Hans Drapal und regte damit erfolgreich die teilweise Einstellung des Verfahrens an, seien wohl gerechtfertigt gewesen: „Um sein Hausrecht durchzusetzen, blieb dem Angeklagten gar nichts anderes übrig, als Gegenstände einzusetzen – nur ein verbotener hätte es eben nicht sein dürfen.“

Denn der Diskogänger, der nun als Nebenkläger dem damaligen Türsteher gegenübersaß, war in jener Nacht so betrunken wie aggressiv gewesen. Auf keinen Fall hatte er akzeptieren wollen, dass ihm der Angeklagte wegen seines alkoholgeschwängerten Auftretens den Einlass in den Club verweigerte.

Er schimpfte, schubste, trat und schlug. Und ließ sich durch nichts einschüchtern. „Er ist immer wieder zurückgekommen“, sagte Richter Drapal, „wie ein Stehaufmännchen.“ Durch die Blume hatte das sogar der 30-Jährige eingeräumt: „Ich war blutüberströmt und konnte nicht mehr klar denken.“ Und sei deshalb stets „erneut in den Kampf gegangen“. Auch als eigentlich alles schon vorbei war. Der Türsteher war damit überfordert. „So etwas Aggressives“, erzählte der Angeklagte, „habe ich noch nie erlebt.“

Und er wolle es auch nicht noch einmal erleben. Seinen Job als Türsteher habe er deshalb an den Nagel gehängt. Heute arbeite er als Wachmann. Das, sagt er, sei einfach nicht so gefährlich. (jft)

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