Schlecker-Mitarbeiterinnen: „Die Stimmung ist mies“

Macht sich stark für Schlecker: Erika Preuß von Ver.di Nordhessen will um jeden Arbeitsplatz der Drogerie-Kette kämpfen. Foto: Ludwig

Kassel. Die Umarmungen sind herzlich, die Stimmung ist schlecht: Auf dem Parkplatz vor der Schlecker-Filiale in Waldau stehen etliche Frauen in einer Traube zusammen. Sie sind der Einladung der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di gefolgt, die dort gestern 50 Mitarbeiterinnen aus der Region zu einer Betriebsversammlung eingeladen hatte.

Zunächst sind die Frauen noch zurückhaltend gegenüber der Presse, dann sprechen sie deutliche Worte:

Eine 52-Jährige, die seit 18 Jahren für Schlecker arbeitet, quält vor allem die Ungewissheit. „Bis Ende März erhalten wir noch Insolvenzausfallgeld – was danach ist, welche Stellen und Filialen gestrichen werden, das wissen wir noch nicht.“ Wie sie ab 1. April ihre Miete zahlen solle, da habe sie auch noch keine Ahnung.

Kaum neue Jobchancen

Für den Fall, dass ihr gekündigt werden sollte, macht sich die 52-Jährige wenig Hoffnung auf eine neue Festanstellung. „Vielleicht bietet man mir in meinem Alter irgendwo noch einen 400-Euro-Job an.“ Eine 43-jährige Kollegin hat das Gefühl, dass die Schlecker-Mitarbeiterinnen von ihrem Arbeitgeber hingehalten werden. „Es wird nicht rechtzeitig über Kündigungen informiert, damit bis zum Ende alle brav zur Arbeit gehen.“ In der Tat sei die Motivation der Mitarbeiterinnen wegen der aktuellen Lage nicht sehr hoch.

„Es wird nicht rechtzeitig über Kündigungen informiert, damit bis zum Ende alle brav zur Arbeit gehen.“

Mehrere Mitarbeiterinnen aus Kassel beschreiben, wie sich die Probleme bei Schlecker schon im vergangenen Jahr abgezeichnet hätten. Viele Lieferanten hätten die Filialen nicht mehr mit Ware beliefert. Grund seien offenbar Rechnungen gewesen, die Schlecker nicht mehr beglichen habe. Dies habe dazu geführt, dass Kunden, die genau diese Ware suchten, immer wieder vertröstet werden mussten.

„Die Stimmung ist mies“, beschreibt eine 47-jährige Verkäuferin die Situation der Beschäftigten. Es seien insbesondere die Existenzen von allein erziehenden und allein lebenden Frauen betroffen. Jede Einzelne habe sich über Jahre in der Firma eingebracht und sei nun durch Managementfehler bedroht.

Erika Preuß von der Gewerkschaft Ver.di formuliert klare Forderungen an den Schlecker-Konzern. „Wir wollen verhindern, dass jeder zweite Arbeitsplatz verloren geht.“ Wen das Unternehmen nicht weiter beschäftigen könne, der solle nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen, sondern von einer Transfergesellschaft aufgefangen werden.

Chancen für Schlecker

Preuß glaubt, dass Schlecker als Nahversorger gute Chancen hat zu bestehen. Das dichte Filialnetz – insbesondere auch in der ländlichen Region – sei ein Vorteil. Die Stellungnahmen aus dem Einzelhandel, es gebe genügend freie Stellen für arbeitslos werdende Schlecker-Mitarbeiter, hält Preuß für Meinungsmache. Für die Region gelte dies sicher nicht.

Für Samstag ruft Ver.di die Beschäftigten zu einem hessenweiten Streik in Frankfurt auf.

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