Kein Textilgeschäft als Nachfolger

Schluss nach 140 Jahren: Ab heute Räumungsverkauf bei Heinsius & Sander

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Klebten am Mittwoch das Schaufenster zu: Christina Humburg (links) und Gerd Weckesser von der Firma Zinke.

Kassel. Auch wenn die Entscheidung gut überlegt und gereift sei, so falle es ihm doch nicht leicht. „So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber“, sagt Torsten Evers, Inhaber des traditionsreichen Modehauses Heinsius & Sander.

Am heutigen Donnerstag beginnt der Räumungsverkauf in dem Unternehmen, das vor 140 Jahren von Arthur Heinsius, dem Urgroßvater von Torsten Evers, gegründet wurde. Endgültig wird das Geschäft Ende Mai schließen.

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Evers rechnet mit einem Ansturm der Kunden. Alle Kleidungsstücke sind reduziert worden, zum Teil sogar bis zu 70 Prozent, sagt er. Das Geschäft zu schließen, sei eine unternehmerische Entscheidung gewesen. „Wenn die Vermietung der Immobilie mehr einbringt, als einen Einzelhandel dort zu betreiben, dann muss man sich entscheiden“, sagt Evers.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: „Wenn die Kasseler bei uns mehr gekauft hätten, dann würden wir nicht schließen.“ Evers will allerdings die Kunden nicht kritisieren, niemand anderem die Schuld für die Schließung geben. Der Geschäftsmann geht davon aus, dass es in zehn Jahren einen inhabergeführten und stationären Einzelhandel nicht mehr geben wird. Dafür sieht er mehrere Gründe.

Im Textilhandel gehörten jene Unternehmen zu den Gewinnern, die das sogenannte vertikale System übernommen haben: Unternehmen, wie H&M und Zara, bei denen alles aus einer Hand komme, vom Design über die Produktion zur Logistik bis hin zum Verkauf an den Endkonsumenten.

Geben das Familienunternehmen auf: Geschäftsmann Torsten Evers und seine Tochter Alexa, Junior-Chefin bei Heinsius & Sander, haben mit ihren Mitarbeitern alles für den Räumungsverkauf vorbereitet. Fotos:  Schachtschneider

Daneben setze die Industrie immer mehr darauf, die Ware in eigenen Läden zu verkaufen. „Zudem haben wir den Verkauf durch das Internet völlig unterschätzt“, sagt Evers. Wiederholt sei es auch bei Heinsius & Sander vorgekommen, dass Kunden die Kleidung anprobiert und Details fotografiert hätten, um sie anschließend im Internet zu bestellen. „Das ist mittlerweile gang und gäbe.“

Knapp 30 Mitarbeiter

Von den knapp 30 Mitarbeitern hätten einige bereits einen neuen Arbeitgeber. Evers ist zuversichtlich, dass auch die anderen gut qualifizierten Kräfte schnell eine neue Stelle finden. „Es tut sich ja einiges in Kassel.“

Mehr zu Heinsius & Sander lesen Sie im Regiowiki.

Evers (66) will sich künftig um die Vermietung der Immobilie kümmern. Seine Firma bleibe bestehen und werde zu einer Immobilienverwaltungsgesellschaft. Es gebe bereits einen Nachmieter für die zwei Etagen mit knapp 800 Quadratmetern Fläche. Da der Vertrag noch nicht unterschrieben ist, will Evers noch nicht preisgeben, wer der neue Mieter ist. Nur so viel: Es ziehe weder ein Textilhändler noch Gastronomie in das Geschäftshaus an der Oberen Königsstraße 17 ein.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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