Theologe brach sein Familienleben ab und tauchte in die Sadomaso-Szene ein

Der Schmerz lässt ihn fliegen - ein Sadomasochist erzählt

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Schmerzen aus Leidenschaft: Gadal J. (60) präsentiert in seiner Kasseler Wohnung sein Sortiment an SM-Utensilien. Darunter sind Peitschen, aber auch Klemmen, Nadelräder, Zangen und Lederbekleidung.

Kassel. Mit dem Brechen vermeintlicher Tabus hat sich der Sadomaso-Roman „Shades of Grey“ an die Spitze der Bestsellerlisten gesetzt. Über 30 Millionen Exemplare der Trilogie wurden weltweit verkauft. Aber wie sieht das Leben von Sadomasochisten wirklich aus? Wir trafen einen.

Bei einem Picknick offenbarte Gadal J. (Szenename) seiner Ehefrau, was ihn seit seiner Jugend nicht mehr losließ: Er erzählte ihr von seiner besonderen Neigung – von seiner Lust am Wechselspiel von Schmerz, Macht und Unterwerfung. Seine Offenbarung liegt zehn Jahre zurück. „Ich habe einen Schnitt gemacht, weil ich mein Wesen nicht mehr nur ahnte“, sagt der 60-jährige Kasseler. Es war ein tiefer Schnitt für den studierten Theologen und Musiker – mit Konsequenzen.

Gadal über die Kasseler Szene

Die Kasseler SM-Szene hat in der Stadt mehrere Anlaufpunkte. Zum einen gebe es zwei Stammtische, bei denen sich die Mitglieder austauschten. „Weil die Treffen öffentlich in Kneipen stattfinden, bleibt alles auf der verbalen Ebene. Die Stammtische sind auch für Einsteiger interessant“, sagt Gadal. Darüber hinaus gebe es Orte, in denen sogenannte Spielpartys mit 30 bis 40 Personen stattfinden. Ansonsten bleibe die Kasseler Szene eher anonym. Bei seinem Vertrieb von SM-Utensilien laufe die Geschäftsabwicklung hauptsächlich über das Internet. (bal)

Nachdem er sich gegenüber seiner Frau zum Sadomasochismus (SM) bekannt hatte, war er erleichtert. Schnell war aber klar, dass in der Ehe kein Platz für seine Lebensweise ist. Es folgte die Trennung. Auch sein heute 24-jähriger Sohn hatte erst Schwierigkeiten, mit dem Coming-out des Vaters klarzukommen. „Heute haben wir aber ein sehr gutes Verhältnis“, sagt Gadal.

Der Schnitt in seinem Leben beschränkte sich nicht auf das Private. Auch beruflich suchte er neue Wege. Seit einigen Jahren hat er als Online-Händler für SM-Utensilien Fuß gefasst. Auf www.bdsm-edelstahl.de vertreibt er Gegenstände wie Edelstahlspielzeug, Fessel- und Lederartikel. Gadal entwirft aber auch selbst Artikel für die Szene, in die er regelmäßig bei Stammtischen und sogenannten Spielpartys eintaucht. Auch Dominastudios hat er schon eingerichtet.

Gadal über „Shades of Grey“

Gadal J. findet, dass in „Shades of Grey“ eine „schöne, heile SM-Welt“ auf anregende Weise geschildert wird. Die Wirklichkeit sei nicht immer schön. „Dort erlebt man auch Tragödien.“ Die in dem Buch geschilderten SM-Praktiken kämen der Realität sehr nahe, aber in der Realität gebe es Praktiken, die seien für eine unter 18-jährige Leserschaft nicht geeignet. Mit „Shades of Grey“, da ist sich Gadal sicher, wird SM noch weiter in die Mitte der Gesellschaft rücken. An jeder Ecke gebe es die softe SM-Variante der Plüschhandschellen zu kaufen und in den Medien sei das Thema häufig präsent. „SM wird immer weiter gesellschaftsfähig. Ich würde nicht ausschließen, dass es Leser gibt, die über dieses Buch in die Szene finden. Diese ist allerdings überraschend anders.“ Für den Rest der Leser würden es bloße Fantasien bleiben, die bis zu einem gewissen Punkt vielleicht auch in das Sexualleben einfließen. (bal)

Der Szene-Kenner spricht reflektiert über die Hintergründe von SM-Neigungen: Es werde viel spekuliert über die psychischen Ursachen für Sadomasochismus. Neueste Deutungen gingen unter anderem von einem schwierigen Verhältnis zur Mutter aus. „Wichtig ist, dies zu bearbeiten und nicht als Defizit, sondern als Möglichkeit zu sehen. Ich habe einen Spacken, aber der ist toll. Ich erlebe mich neu.“

Sind SMler krank? Gadal grinst: Die Geschichte zeige, wie schnell Normabweichendes als abnorm oder krank bezeichnet werde. Die Lust an SM-Praktiken entstehe nicht aus einer depressiven oder selbstzerstörerischen Haltung. „Es geht um Leidenschaft, Vitalität, Kraft. Du erreichst Lust-Schmerz-Zustände, die sich wie Fliegen anfühlen.“

Weil SM an Dimensionen rühre, die psychisch wie körperlich „tief reingrätschen“, müsse man sich mit seinen eigenen Hintergründen beschäftigen. Wer dies nicht tue, lebe in der Szene gefährlich oder sei eine Gefahr. Im Spiel aus Beherrschen und Beherrscht-Werden gerate man leicht in Abhängigkeiten.

Trotz aller Wildheit, das ist Gadal wichtig, müssten Absprachen und Grenzen vereinbart werden. So gebe es beispielsweise ein Sicherheitswort. Wenn dies falle, werde das Spiel sofort beendet. „Nur so ist eine Begegnung auf Augenhöhe möglich.“ Jeder Praktizierende solle sich vorher im Internet gut über den verantwortungsvollen Umgang mit SM-Utensilien wie Peitschen, Nadeln oder Fesseln informieren.

Von Bastian Ludwig

Hintergrund: „Shades of Grey“: Bestseller-Trilogie

Erfolgsverwöhnt: die britische Autorin E. L. James.

Der Sadomaso-Roman „Shades of Grey“ der britischen Autorin E. L. James ist ein internationaler Bestseller. Allein in den USA und Kanada ist die Trilogie 15 Mio. Mal verkauft worden. Auch in vielen europäischen Landern setzt sich der Siegeszug fort. In vielen europäischen Ländern führt das Buch die Bestseller-Listen an. Laut Media Control rangiert der Roman in Deutschland derzeit auf Platz zwei.

In „Shades of Grey“ wird die Geschichte einer Studentin erzählt, die auf einen reichen Unternehmer trifft und sich diesem unterwirft. Alice Schwarzer bescheinigte dem Werk emanzipierte Ideen, da die Studentin nicht zu einem passiven Objekt degradiert werde. Nichts geschehe gegen den Willen der Protagonistin. (bal)

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Serf
(0)(0)

Dies ist eine absolut seriöse Information für die Leser der HNA, die sich mit dem Thema des einvernehmlichen Sado-Masochismus noch nicht beschäftigt haben. Der einzige Mangel dieser Seite ist, dass der Fall des ehemaligen angesehenen und erfolgreichen Kirchenmusikers Gadal, der seine bürgerliche Existenz wegen seiner masochistischen Neigungen aufgibt, einen seltenen Grenzfall darstellt, der für die "SM-Szene" ganz und gar nicht typisch ist. Wer dies nicht weiß, könnte zu falschen Schlüssen hinsichtlich der überwiegenden Mehrheit der praktizierenden "SM-ler" kommen. Die vielseitigen Möglichkeiten des Internet führen heutzutage dazu, daß Männer und Frauen mit entsprechenden Neigungen relativ jung die Gelegenheit haben, einen passenden Partner zu finden, ohne ihre familiäre oder berufliche Existenz aufs Spiel zu setzen

Gustchen
(2)(0)

Glücklich ist der Masochist.
Er geht in die Kneipe, pöbelt seinen Nachbarn an, kriegt den Frack vollgehauen und geht glücklich nach Hause.
Wenn sxuelle Befriedigung immer so einfach wäre :-))

poisonbakara
(1)(0)

 Auch ich finde es gut dies Thema einmal in der Öffentlichkeit zu Diskutieren.Den leider leben viele von uns in der Agst es könnte öffentlich werden.Wer z.B.würde den einen Sklaven verstehen der sich von einer Fem-Dom an das Kreuz ketten lässt?Oder sich überhaupt von einer dominaten Frau etwas sagen lässt?
Diese Männer die in ihren Berufen immer ,,ihren Mann"stehen müssen und dies auch tun,haben eben auch noch andere Neigungen in ihrem Leben!Wir werden immer noch alle in eine ,,Schmuddelecke"gestellt....Dabei weiss ich von vielen Stinknormalen Paaren ,dass sie auch beim Sex ,einen Klaps auf den Po bekommt.Oder dass sie ihn bespielt....Diese Dinge kommen auch bei ,,normalen"
Menschen vor! Nur redet da kein Mensch drüber oder findet es ,,pervers"!
Wir waren vor kurzem auf einer ,,schwarzen Hochzeit" wer dies einmal erlebt hat ,weiss erst wieviel Gefühl,Liebe und Toleranz in diesen Beziehungen und Ehen steckt.Sie halten meisst länger und sind
gefühlvoller aufgebaut als jede normale Ehe!
Chapeau an Gadal ,der sich zu trauen über dieses Thema zu schreiben und an alle die zu dem stehen was oder wie sie sind.
Rose von Trausnitz

Kommentare

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