Uni-Forscher Richard Vahrenkamp stellt boomenden Luftfrachtverkehr auf Prüfstand

Schmutzige Himmelsboten

Luftfracht in der Kritik: Das Foto zeigt ein Frachtflugzeug beim Warenumschlag am Flughafen Leipzig / Halle. Dort wird seit Jahren in einem wahren juristischen Marathon vor Gerichten um ein Nachtflugverbot gestritten. Foto: dpa

Kassel. Frische Rosen aus Kenia, Spargel aus Peru, Kirschen aus Chile: Das Geschäft mit dem Lufttransport von Konsumgütern boomt. Von 2000 bis 2010 ist die weltweit umgeschlagene Luftfracht von 29 auf 44 Millionen Tonnen gewachsen.

In einer Forschungsarbeit beleuchtet der Logistikexperte Prof. Richard Vahrenkamp, Leiter des Fachgebiets Produktionswirtschaft und Logistik, die zunehmenden Warenströme am Himmel kritisch. Der Boom habe seinen Preis: Er schädige die Umwelt und raube den Menschen in der Nähe von Flughäfen den Schlaf, die als Knotenpunkte für den Warenumschlag der Luftfracht dienen.

Der Wissenschaftler plädiert dafür, mehr Waren mit dem Schiff zu transportieren und beispielsweise die Luftfrachtabfertigung vom Frankfurter Flughafen zum Flughafen Frankfurt-Hahn zu verlegen, weil der Hunsrück dünner besiedelt ist.

Allein das deutsche Unternehmen Lufthansa Cargo schlage pro Jahr mehr als eine Mio. Tonnen Fracht um, sagt Vahrenkamp. Der US-amerikanische Marktführer Federal-Express (FedEx) verlädt auf dem Flughafen Köln-Bonn eine große Menge von Paketen. Den Luftfrachtunternehmen sei es dabei über Jahrzehnte gelungen, sich Privilegien, etwa großzügige Nachtflugregelungen, zu sichern, die oft zulasten der Umwelt und der Anwohner gingen, sagt Vahrenkamp.

Beispielsweise dürfe Lufthansa Cargo noch immer mit dem großen Frachtflugzeug McDonnell Douglas MD11 fliegen, dessen Technik aus den 1980er-Jahren stamme. Deshalb sei die Maschine sehr laut. Beim Autoverkehr, der strenge Umweltregeln einhalten muss, wäre so etwas undenkbar, meint der Kasseler Wissenschaftler.

Auf Schiff verlagern

Vahrenkamp, der die Statistiken der internationalen Luftfrachtorganisation IATA ausgewertet hat, fordert ein Umdenken bei den Logistikunternehmen. In den USA habe bereits die Diskussion begonnen, ob es nicht besser sei, einen Teil der Luftfracht auf das Schiff zu verlagern. Beim Containerversand zu Wasser werde 30-mal weniger klimaschädliches Kohlendioxid ausgestoßen als beim Transport mit dem Flugzeug.

Von wegen Windeseile

Der Transport eines Tablet-PC per Luftfracht von Asien in die USA puste drei Kilo Kohlendioxid in die Luft. Der Konsument könne durch sein Kaufverhalten dazu beitragen, dass unwirtschaftliche und schädliche Lufttransporte eingeschränkt werden.

Außerdem hat der Wissenschaftler herausgefunden, dass Luftfrachten meist gar nicht so schnell sind, wie ihre Bezeichnung suggeriert. Der normale Lufttransport benötige, bedingt durch Transferzeiten oder Überfüllung von Knotenpunkten, im Schnitt sechs Tage von Haustür zu Haustür.

Die Anwohner des künftigen Flughafens Kassel-Calden müssen übrigens nach Ansicht von Vahrenkamp keine Sorge haben, von nächtlichen Frachtflügen genervt zu werden. Das Luftfrachtgeschäft konzentriere sich nämlich auf wenige große Luftverkehrskreuze in Europa. Foto: Dilling

Richard Vahrenkamp: Globale Luftfracht-Netzwerke – Laufzeiten und Struktur, Grin Verlag, München 2012. Zu bestellen unter www.grin.com/de

Von Peter Dilling

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