Biologie zum Anfassen

Schnecken und Barsche sind an Uni zu Hause

Zeigen den Studenten die Selbstverständlichkeit des Kontakts mit Tieren: Franziska König (links) und Dr. Christine Nowack. Fotos: Dilling

Kassel. Franziska König nimmt eine Achatschnecke aus dem Terrarium auf ihren Handrücken. Vorsichtig fährt die afrikanische Riesenschnecke ihre Fühler aus. Bei manchen Schülern, die mit Dr. Claudia Wulff vom Fachgebiet Didaktik der Biologie als Besuch ins Tierhaus kommen, führt das zu „Igitt“-Rufen.

Wulff versucht, den Schülern die Scheu vor den glitschigen, fremdartig oder exotisch ausschauenden Lebewesen zu nehmen, die das „Reich“ von Franziska König bilden. Hier ist die Biologie zum Anfassen, sowohl für Schüler als auch für Studenten.

„Die Selbstverständlichkeit des Kontakts mit Tieren ist verloren gegangen“, sagt Dr. Christine Nowack, Leiterin der Arbeitsgruppe Funktionelle Wirbeltieranatomie an der Uni Kassel. Das Tierhaus fülle so eine Lücke in der Erfahrungswelt von Schülern und Studierenden. Jeder Kurs, in dem lebende Tiere präsentiert werden, sei ein Selbstläufer. Erstsemester seien „sofort still und fasziniert“, wenn sie einen von Königs Schützlingen in der Vorlesung präsentiere, berichtet Nowack.

Das gilt besonders dann, wenn die Wissenschaftlerin den Studenten zeigt, wie man durch das Atemloch der Achatschnecke direkt in deren Lunge schauen kann. Die Chance, einmal abseits von animierten Computerbildern die Baupläne der Natur am lebenden Objekt zu erleben, motiviere die Studierenden sehr, sagt Nowack. „Ohne das Tierhaus wäre die Biologie an der Universität Kassel ärmer“, sagt Wulff.

Diese Bilanz gilt sogar für die Forschung, wenngleich die Bedeutung von lebenden Tieren für deren Betrieb deutlich zurückgegangen ist, weil die Molekularbiologie auf dem Vormarsch ist. Dennoch greifen einige Fachgebiete auf den kriechenden, schlängelnden, krabbelnden und schwimmenden Fundus von Franziska König zurück.

Dazu zählt vor allem Nowack, die im Fachgebiet Zoologie die Evolution der Riechorgane bei Tier und Mensch erforscht. Manche Tiere haben zwei davon, beim Menschen ist das zweite verkümmert. Nowack fahndet momentan bei den seit Jahrmillionen auf der Erde lebenden Lungenfischen nach diesem sogenannten Vomeronasalorgan. Bei den Feuerbauchunken, die ebenfalls im Tierhaus leben, hat sie es bereits untersucht. Das ist Grundlagenforschung. „Wir verstehen dadurch besser, wo wir herkommen“, sagt Nowack.

Andere Forscher bedienen sich der Rotbauchunken, um die Abnahme des genetischen Fingerabdrucks für ein Wiederansiedlungsprojekt der Amphibien zu perfektionieren. Prof. Markus Maniak bestellt ab und zu Grünflossenbuntbarsche, um deren Zellbiologie zu erforschen.

Von Peter Dilling

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