Interview zur Asylkrise: Schnelle Integration lohnt sich

Flüchtlinge als Arbeitskräfte: Unser Bild zeigt einen Asylbewerber aus Somalia, der in einer Brandenburger Firma für Windkraftanlagen zusammen mit einem Meister an einem Stahlsegment für einen Windradturm arbeitet. Foto: dpa

Kassel. Kann unsere Wirtschaft die Aufnahme der vielen Flüchtlinge verkraften? Wir sprachen mit Prof. Dr. Holger Bonin von der Uni Kassel.

Er hält am Mittwoch, 11. November, 18 Uhr, einen Vortag mit dem Titel „Flüchtlinge willkommen!? - Die Asylkrise aus volkswirtschaftlicher Perspektive" (Hörsaal 4, Campus Centrum, Moritzstraße 18). 

An der Parole „Wir schaffen das“ bekommen viele Menschen angesichts der hohen Flüchtlingszahlen Zweifel. Was sagen Sie als Volkswirt? 

Prof. Dr. Holger Bonin: Wir nehmen die Menschen nicht auf, weil wir erwarten, dass sie den Staatshaushalt entlasten, sondern aus humanitären Gründen. Wenn das am Ende Kosten verursacht, ist das der Preis der Humanität. Aber wenn die Flüchtlinge schon hier sind, sollte der Staat schauen, dass die Kosten so gering wie möglich bleiben.

Zunächst mal verursachen Unterbringung und Versorgung aber hohe Kosten. 

Bonin: Das stimmt. Grob geschätzt fallen dafür im ersten Jahr 12 000 Euro pro Kopf an, hinzu kommen viele versteckte Kosten, etwa für Mitarbeiter in den Behörden. Bei einer Million Flüchtlingen käme man also auf mindestens 12 Milliarden Euro. Nach dem ersten Jahr wird die Belastung geringer. Um wie viel, hängt entscheidend davon ab, wie die Integration in den Arbeitsmarkt läuft - also welche wirtschaftliche Leistungskraft die Flüchtlinge hier erreichen. Das wiederum ist vor allem eine Frage der Bildung.

Kommen viele Flüchtlinge mit geringer Bildung? 

Bonin: Tatsächlich ist der syrische Arzt die Ausnahme. Unter den Ankommenden sind viele schlecht ausgebildet. Aber die meisten sind jung, da lässt sich die berufliche Bildung noch nachholen. Wenn das schnell genug gelingt, werden die Staatsfinanzen längerfristig gerechnet sogar entlastet.

Von welchen Zeiträumen sprechen wir da? 

Bonin: Es darf nicht länger als zehn Jahre dauern, bis die Flüchtlinge wie Facharbeiter beschäftigt sind. Gelingt das nicht, wird auf Dauer die Bilanz für den Staat negativ.

Das heißt, es gäbe Steuererhöhungen? 

Bonin: Ja. Wir haben einmal den Extremfall berechnet, dass es 30 Jahre dauert, bis die Menschen die wirtschaftliche Leistungskraft von Einheimischen mit mittlerer Qualifikation erreichen: Dann müsste man bei einer Million Flüchtlingen die Steuern um jährlich 30 Euro pro Bundesbürger erhöhen. Zum Vergleich: Die kommende Alterung der Gesellschaft wird den Bürgern gut 1000 Euro pro Jahr zusätzlich abverlangen. Trotzdem: Wenn wir keine Steuererhöhungen wegen der Flüchtlingskosten wollen, sollten wir in die Menschen investieren.

Also in Sprachkurse, Ausbildung und in die Arbeitsvermittlung. 

Bonin: Sprache und fehlende berufliche Qualifikation gehören sicher zu den größten Hindernissen. Entscheidend wird aber vor allem sein, dass sich Arbeitgeber finden, die Stellen für die Flüchtlinge schaffen.

Wie stehen da die Chancen? 

Bonin: Die Integration von Flüchtlingen in die Belegschaft ist eine Investition. Darum brauchen die Arbeitgeber Planungssicherheit. Dazu gehört eine gesicherte Bleibeperspektive, auch über die Ausbildungsphase hinaus. Und möglichst wenig bürokratische Hürden. Inzwischen dürfen anerkannte Flüchtlinge zwar schon nach drei Monaten arbeiten. Aber erst muss aufwendig geprüft werden, ob nicht ein Arbeitsloser aus der EU den Job machen könnte. Das schreckt Unternehmen ab.

Wie ernst zu nehmen ist die Sorge, dass Flüchtlinge den Einheimischen die Arbeit wegnehmen? 

Bonin: Viele Studien zeigen, dass solche Verdrängungseffekte selbst bei starker Zuwanderung kaum auftreten. Vielmehr steigt die Zahl der Arbeitsplätze. Aber es gibt schon eine gewisse Gefahr, dass die Flüchtlinge zur Konkurrenz für Geringqualifizierte werden. Deshalb muss man sowohl der einen wie der anderen Gruppe helfen: durch Qualifizierung in den Betrieben, gefördert mit Lohnkostenzuschüssen der Jobcenter.

Derzeit entstehen auch Jobs in der Flüchtlingsarbeit. Und die Nachfrage nach Zelten, Containern und Dixi-Klos explodiert. Hat das einen nennenswerten wirtschaftlichen Effekt? 

Bonin: Die zusätzliche Nachfrage wird sich kurzfristig schon in der Wachstumsrate niederschlagen. Allerdings ist die konjunkturelle Lage in Deutschland momentan gut, deshalb bräuchte man ein solches Konjunkturprogramm eigentlich nicht. Zumal der Wachstumsimpuls endet, sobald der Flüchtlingsstrom abebbt. Man muss aufpassen, dass man jetzt keine Kapazitäten schafft, die später nicht mehr nötig sind. Wanderungsströme ändern sich schnell. In zwei Jahren ist die hohe Nachfrage nach Containern und Dixi-Klos vielleicht schon vorbei.

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