Fälle selten vor Gericht

Schnipp schnapp, zu viel ab: Das ist bei einem missglückten Friseurbesuch zu tun

Waschen, schneiden, Frust: Fehler passieren im Jedem Job - die eines Friseurs sind nun mal sichtbar. Meist ist die angebliche missglückte Frisur aber nur Ansichtssache und das Ergebnis einer Kommunikationspanne. Foto: dpa

Kassel. Welche Möglichkeiten haben Kunden, wenn bei Schnitt oder Farbe etwas gründlich schiefgelaufen ist? Wir beantworten Fragen zum Thema.

Der Pony war zu lang. Jetzt ist er kurz. Zu kurz und schief dazu. „Ich sehe aus wie mein Vater mit Geheimratsecken“, sagt Alexandra Mehlburger. Inzwischen nimmt sie den missglückten Friseurbesuch mit Galgenhumor. Das kleine Friseurstudio, offenbar ein „Ein-Frau-Betrieb“, das sie ersatzweise aufgesucht hatte, wird sie künftig meiden. Die Kasselerin fragt indes: Welche Möglichkeiten haben Kunden, wenn bei Schnitt oder Farbe etwas gründlich schiefgelaufen ist? Wir beantworten Fragen zum Thema.

Der Kunde ist mit dem Ergebnis unzufrieden – was ist der erste Schritt?

„Darüber reden – und das am besten noch im Friseurgeschäft “, sagt Alexandra Kaske-Diekmann, Friseurmeisterin und zugleich Kreishandwerksmeisterin. Häufig sei das fragwürdige Ergebnis einem Kommunikationsproblem oder verschiedenen Vorstellungen geschuldet. Wenn eine Kundin ihr Haar einen Zentimeter kürzer haben möchte, dann bitte sie diese zunächst: „Zeigen Sie mir, wie viel ein Zentimeter für Sie ist.“ Wer sich für den Friseurberuf entscheide, brauche nicht nur Geschick, sondern auch Kommunikationsfähigkeit und gute Sprachkentnisse, sagt Kaske-Diekmann.

Was, wenn man erst zu Hause merkt, dass beim Schnitt im wahrsten Wortsinne etwas schiefgelaufen ist?

Kaske-Diekmann rät zum zweiten Friseurbesuch: „Dann haben Friseure die Möglichkeit zum unentgeltlichen Nachbessern.“ Das könnten bei Unstimmigkeiten auch Kollegen übernehmen. Grundsätzliches Credo eines Friseurs sei es ja, den Kunden zufriedenzustellen.

Wie häufig landen haarige Fälle denn vor Gericht?

Nicht so oft, wie man glaubt: Der Offenbacher Friseurmeister Peter Caligari ist seit 20 Jahren als vereidigter Sachverständiger hessenweit im Einsatz. In rund acht Fällen jährlich sei seine Expertise vor Gericht gefragt, schildert der 63-Jährige. Allerdings habe er täglich bis zu zehn Anrufe von verzweifelten Frauen aus ganz Hessen, die mit Schnitt oder Farbe unzufrieden sind. Die gelte es zunächst zu beruhigen: Haare wachsen wieder, eine Klage indes dauere meist lange und kann teuer werden, warnt Gutachter Caligari. Sie mache dann Sinn, wenn gravierende handwerkliche Fehler vorliegen.

Worum geht es in den juristischen Auseinandersetzungen?

Oft um teure Leistungen mit offenbar minderwertigem Ergebnis wie Haarverlängerungen. Für solche Extensions, die ein halbes Jahr halten sollen, zahlen Kundinnen bis zu 3000 Euro. Die Billigvariante sei ab 500 Euro zu haben, sagt Caligari. Fällt die teure Haarpracht vorzeitig ab, sei der Ärger groß. Vor Gericht gehe es aber auch um verpfuschte Blondierungen, durch die die Kopfhaut geschädigt wurde. In den meisten Fällen sei es zum Vergleich gekommen, berichtet der Sachverständige.

Und wenn Schmerzensgeld gezahlt wurde: Wie viel haben Gerichte in solchen Fällen zugesprochen?

Einige Beispiele: 250 Euro hatte eine Frau erhalten, der nach einer Dauerwelle die Haare abgebrochen waren (Amtsgericht Köln, AZ: 141 C 5/01). 1500 Euro erhielt eine Frau, die nach einem Friseurbesuch mit einer Glatze nach Hause gehen musste, weil nach unsachgemäßem Färben alle Haare ausgefallen waren (Oberlandesgericht Köln, AZ: 19 U 62/99).

Was ist eigentlich die Voraussetzung, um einen Friseurbetrieb zu eröffnen?

Alexandra Mehlburger hatte bei ihrem missglückten Friseurbesuch vergeblich nach einem Meisterbrief gesucht. Der muss zwar nicht aushängen, im Gespräch habe sich aber herausgestellt, dass die vermeintliche Friseurin offenbar noch nicht einmal eine abgeschlossene Berufsausbildung hat.

Christian Behrendt, Leiter der Rechtsabteilung der Handwerkskammer Kassel, stellt klar: Voraussetzung, um einen Friseurbetrieb zu eröffnen, ist der Meisterbrief oder eine entsprechende Ausübungsberechtigung (wie z.B. die Altgesellenregelung). Ein Ladengeschäft kann auch von einem technischen Betriebsleiter geführt werden, der aber einen Meister einstellen muss. Dieser könne auch ungelernte Kräfte einsetzen. „Er trägt dann aber auch die Verantwortung für die Qualität“, sagt Behrendt.

Worauf sollten Kunden vor dem Friseurbesuch achten?

Auf eine gute Beratung. Friseure müssen über die Riskien einer Haarbehandlung, zum Beispiel beim Blondieren, aufklären. Wenn etwas schiefgelaufen ist: den Fehler schnellstmöglich monieren.

Wie viele Geschäfte gibt es eigentlich in Kassel?

Die Zahl der Friseurgeschäfte hat in den vergangenen Jahren zugenommen: Gab es 2007 noch 206 Betriebe in Kassel, waren es 2017 bereits 230. Aber: „Die Betriebsgrößen sind deutlich kleiner geworden“, sagt Obermeisterin Kaske-Diekmann. Der Trend gehe zum Laden mit ein, zwei Beschäftigten. Und wie im Handwerk allgemein leiden auch die Friseure unter dem Fachkräftemangel. Zum Vergleich: 2007 waren es laut Handwerkskammer Kassel noch 164 Auszubildene im Friseur-Handwerk, 2017 nur noch 89). Gutachter Caligari bestätigt: Dass ihn täglich so viele Anrufe verzweifelter Frauen erreichten, sei auch Ausdruck nachlassender Qualität.

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