Wenn Fahrkarten zur Einnahmequelle werden

Schnorren und weiterverkaufen: Handel mit Hessentickets

Handel mit Hessentickets: Für zehn Euro bekommt man eine Fahrkarte, die schon von anderen Kunden benutzt worden ist. Foto:  Fischer

Kassel. Kürzlich wurden zwei Männer vor dem Kasseler Amtsgericht wegen versuchter Nötigung beziehungsweise Körperverletzung verurteilt.

Sie waren im Kasseler Hauptbahnhof in Streit mit einem anderen Mann geraten. Bei der körperlichen Auseinandersetzung ging es um den Handel mit Hessentickets. Täter und Opfer haben damit ihr Geld verdient.

Wie Zeugen von Bundespolizei und Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn vor Gericht berichteten, versuchen verschiedene Privatpersonen, sich Hessentickets an den Kasseler Bahnhöfen zu erschnorren, um sie anschließend an andere Fahrgäste weiterzuverkaufen. Mit so einer Fahrkarten können bis zu fünf Personen einen Tag lang quer durch Hessen fahren. Es kostet 32 Euro und gilt montags bis freitags ab 9 Uhr bis Betriebsende sowie samstags und an Sonn- und Feiertagen in Hessen ganztägig. Es ist auf allen Linien gültig.

Wenn der eine Händler den anderen bei den Geschäften mit den Hessentickets stört, kann es schon mal Ärger geben. Nach Angaben von Klaus Arend, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Kassel, greife die Polizei auch nur bei Auseinandersetzungen zwischen den Ticket-Händlern ein. Ansonsten habe man keine Handhabe gegen den Personenkreis. Schließlich erfüllten sie keinen Straftatbestand.

Sabine Herms

Beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) ist bekannt, dass einige Menschen im Bahnhof ihre Einnahmen mit dem Handel der Tickets aufbessern. Aber das mache wohl nur einen Bruchteil aus, sagt NVV-Sprecherin Sabine Herms. Pro Jahr würden der NVV, der RMV und der VRN zusammen 8,5 Millionen Euro mit dem Hessen-Ticket umsetzen. Der Großteil der Einnahmen gehe an den RMV, an den NVV gingen 17 Prozent. Man gehe davon aus, dass 30.000 bis 35.000 Hessentickets pro Jahr im Raum Nordhessen verkauft werden.

Die Tickets seien übertragbar, allerdings dürfe nach den Beförderungsbedingungen kein Handel mit ihnen getrieben werden, sagt Rainer Stahn, NVV-Leiter für Tarif und Vertrieb. Damit wolle man die „gewerbsmäßige Schlepperei“ eindämmen. Allerdings sei es nur schwer überprüfbar, ob ein Ticket unrechtmäßig verkauft/gekauft worden ist. Sollte man beim NVV allerdings zu dem Ergebnis gelangen, dass der Handel mit den Fahrkarten zu große Ausmaße annimmt, müsste man über Konsequenzen nachdenken, sagt Herms. Dann müssten sich beispielsweise die fünf Kunden, die das Ticket benutzen dürfen, auf der Rückseite eintragen.

Solche Regeln machten allerdings nur Sinn, wenn es auch entsprechende Kontrollen gebe. Ein Kontrolleur müsset sich auch noch die Auswese der Fahrgäste ansehen - ein erheblicher Mehraufwand.

Vor diesem Hintergrund müsse man sich fragen, ob eine Änderung der Hessenticket-Bestimmungen überhaupt Sinn mache. Schließlich gingen 99 Prozent der Kunden vernünftig und angemessen mit der Fahrkarte um, sagt Rainer Stahn.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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