86-Jährige unter Druck gesetzt

Nach Schock-Anruf: Geldkurier von der Polizei geschnappt

Kassel. Auf frischer Tat haben Kasseler Polizeibeamte am Donnerstag ein Mitglied einer Schockanrufer-Bande gefasst. An einer Wohnung in der Erzbergerstraße war der 19-jährige Litauer gerade dabei, von einer aus Russland stammenden 85 Jahre alten Frau einen Umschlag mit 3000 Euro entgegenzunehmen.

Das Geld hatte ein Anrufer zuvor mit einer Lügengeschichte erpresst. Wegen des psychischen Drucks, den die Täter dabei aufgebaut hatten, konnte die Seniorin noch lange Zeit später nicht vernommen werden, berichtete Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch.

Der 85-Jährigen war in russischer Sprache eingeredet worden, ihr Sohn habe einen schweren Unfall verursacht und dabei ein Kind schwer verletzt. Wenn sie nicht umgehend zahle, drohe ihrem Sohn eine lange Gefängsnisstrafe. Die Opfer solcher Maschen halten es laut Jungnitsch aufgrund ihres gesellschaftlichen Erfahrungshintergrundes für denkbar, dass man sich durch Geldzahlungen von einer Strafverfolgung freikaufen könne.

Der 19-Jährige wurde am Freitag dem Haftrichter vorgeführt. Über seine Hintermänner habe er bisher nur vage Angaben gemacht, sagt Jungnitsch. Es sei fraglich, inwieweit der Festgenommene die Ermittler auf die Spur der eigentlichen Drahtzieher führen könne: „Wir gehen davon aus, dass solche Leute nur die Geldboten sind und die Anrufe nicht selber machen.“ Seit Frühjahr hat es die Kasseler Polizei mit einer umfangreichen Serie solcher Schockanrufe zu tun. Täter wie Opfer stammen dabei aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion.

Ihre Anweisungen bekämen die Geldkuriere vermutlich per Handy aus dem Ausland, wohin sie die ergaunerten Summen dann wohl umgehend über internationale Bargeldtransfer-Dienste schicken würden, sagte der Polizeisprecher.

Aufgrund dieser Annahmen waren die Ermittler des Zentralkommissariats ZK 30 davon ausgegangen, dass Geldkuriere möglicherweise ortsunkundig sind und sich per Taxi zu den Wohnungen der Betrugsopfer bringen lassen. Die Beamten hatten daher die größte Kasseler Taxizentrale um Fahndungshilfe gebeten.

Dieser Ansatz brachte laut Jungnitsch Erfolg. Nach dem Hinweis eines Taxifahrers konnten Fahnder der Operativen Einheit die Spur des 19-jährigen Tatverdächtigen im Stadtgebiet aufnehmen und den Mann schließlich bis zur Wohnung der 85-Jährigen verfolgen. Dort klickten die Handschellen.

Gegenüber den Ermittlern hat der 19-Jährige neben der Tat an der Erzbergerstraße noch einen zweiten Betrugsversuch tags zuvor in Niederzwehren gestanden. Für fast ein Dutzend weitere Schockanruf-Betrügereien – die allerdings an der Skepsis der Angerufenen scheiterten – will der Festgenommene nach Angaben des Polizeisprechers nicht verantwortlich sein.

Von Axel Schwarz

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