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Grüner OB-Kandidat Schoeller plant Mega-Energieprojekt für Kassel

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Von: Matthias Lohr

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Eine Blume mit roten Blüten für den Oberbürgermeisterkandidaten: Die Parteivorsitzenden Daniel Stein (von links) und Vanessa Gronemann gratulieren Sven Schoeller auf der Kreismitgliederversammlung.
Eine Blume mit roten Blüten für den Oberbürgermeisterkandidaten: Die Parteivorsitzenden Daniel Stein (von links) und Vanessa Gronemann gratulieren Sven Schoeller auf der Kreismitgliederversammlung. © Matthias Lohr

Mit 95,1 Prozent haben die Grünen Sven Schoeller zum Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl nominiert. Im HNA-Interview erklärt er, wie er im Wahlkampf punkten will.

Kassel – Vor seiner Bewerbungsrede zum Oberbürgermeisterkandidaten der Kasseler Grünen hatte Sven Schoeller einen Anwaltskollegen um Rat gefragt. Der empfahl dem Strafverteidiger, vor seinen Parteifreunden auf der Mitgliederversammlung ein „aufrichtiges und frühes Geständnis“ abzulegen. Das tat Schoeller am Samstag im Philipp-Scheidemann-Haus: „Ich gestehe, mir liegt diese Stadt am Herzen.“

Auch damit überzeugte er die Grünen: Mit 95,1, Prozent wählten sie ihn zum Herausforderer von Amtsinhaber Christian Geselle (SPD) – falls der im März 2023 wieder antritt. 78 der 82 gültigen Stimmen entfielen auf den 49-Jährigen, der der einzige Kandidat war. Es gab drei Nein-Stimmen.

Schoeller bedankte sich für das „wunderbare Votum“. Nachdem die Mitglieder mehr als eine Minute im Stehen applaudiert hatten, war sich Parteichefin Vanessa Gronemann sicher, „dass wir dich in wenigen Monaten mit Herrn Oberbürgermeister ansprechen dürfen“. Schoeller sagte: „Für euch bleibe ich Sven.“

Allerdings muss der promovierte Jurist seinen Namen in den nächsten Monaten erst einmal bekannt machen. Im Vergleich zu Geselle und CDU-Kandidatin Eva Kühne-Hörmann sowie der Grünen-Stadträtin Nicole Maisch, von der sich viele Parteimitglieder eine Kandidatur erhofft hatten, ehe sie absagte, ist der Familienvater aus Kirchditmold noch ein Polit-Neuling. In die Partei ist er 2010 eingetreten. Erst seit vorigem Jahr ist er Stadtverordneter sowie verkehrs- und rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

In seiner Bewerbungsrede, die er vom Manuskript ablas, kündigte Schoeller an, Kassel zur ersten deutschen Großstadt machen zu wollen, die ihren kompletten Energiebedarf aus regionalen Energiequellen deckt. Kassel soll „lebenswert, gerecht und innovativ“ werden – und mit dem Umland soll sich die Stadt zu einer „führenden Nachhaltigkeitsregion“ entwickeln.

Schoeller will die Verkehrssicherheit für Radfahrer (und vor allem im Hinblick auf den Schulweg) verbessern sowie den Innenstadtring grundlegend neu planen. Man müsse sich etwas Besseres einfallen lassen als die „sechsspurige Autobahn“, die derzeit an der Brüderkirche vorbeiführe.

Den größten Applaus erhielt er, als er darauf verwies, dass es in Kassel „schon lange die politischen Mehrheiten und Beschlüsse“ gebe, um grün zu gestalten: „Uns fehlt nur noch der geeignete Oberbürgermeister. Da würde ich gern Abhilfe schaffen.“

In einer kurzen Fragerunde beschrieb sich Schoeller als „ziemlich sachlichen Typ“, der von manchen als „zu sachlich und zu wenig emotional empfunden werde“. Auch das klang wie ein Geständnis. Der Bundestagsabgeordnete Boris Mijatovic charakterisierte Schoeller zwar ebenfalls als „bescheidenen und sehr demütigen Menschen“. Er sagte aber auch: „Diese Demut ist gut. Meine vollste Unterstützung hast du.“

Breite Unterstützung gab es auch für einen von einigen Alt-Grünen auf den Weg gebrachten Antrag zur documenta. Darin wird die „weltweite Negativ-Presse“ infolge des Antisemitismus-Eklats als „verdient“ bezeichnet. Neben einer lückenlosen Aufklärung der documenta fifteen fordern die Autoren einen Beirat, der künftigen Kuratoren zur Seite gestellt werden soll. Die Auswahl der Mitglieder der Findungskommission soll öffentlich begründet werden. Auch Schoeller unterstützte den Antrag und kritisierte die „antisemitischen Schmähbildnisse. Wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“

Grünen-Kandidat Schoeller im Interview

Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung, Herr Schoeller. Wie zufrieden sind Sie mit 95,1 Prozent?

Ich bin total zufrieden und von den Reaktionen überwältigt. Ich habe nur einen kleinen Teil meines Lebens in der Politik verbracht. Erst 2010 bin ich bei den Grünen eingetreten. Für einen Quereinsteiger in die Politik ist es nicht selbstverständlich, solch einen Rückhalt zu spüren.

Viele Grüne hätten gern eine Frau als Herausforderin von Christian Geselle nominiert. Aber mehrere Frauen haben abgelehnt. Sind Sie nur zweite Wahl?

Es ist richtig, dass ich nicht aufgrund meines Geschlechts zum Kandidaten wurde. Und das ist gut so.

Im Parlament sind Sie als Verkehrsexperte anerkannt. Trotzdem werden die meisten Kasseler Sie bislang nicht wahrgenommen haben. Wie groß ist dieser Nachteil?

Ich sehe keinen Nachteil, der auf die Wahl durchschlagen wird. Es wird nicht lange dauern, bis die Wählerinnen und Wähler mich kennenlernen. Schon bald werden wir verschiedene Formate bespielen. Dabei wird es jedoch nicht nur um meine Person gehen, sondern vor allem um Inhalte.

Wo werden Sie Ihre Schwerpunkte setzen? Nur mit Radwegen wird man keine Wahl gewinnen.

Wir wollen Kassel als Ganzes voranbringen, zu einer innovativen und lebenswerten Stadt und einem Kraftzentrum für nachhaltige Wirtschaft machen. Ich will die Menschen zusammenbringen, die sich um die Region bemühen. Hier sehe ich mich als Antreiber und Moderator. Ich will Kassel zur ersten deutschen Großstadt machen, die ihren kompletten Wärmebedarf aus regionalen Energiequellen deckt. Dazu müssen wir einen der weltweit größten saisonalen Wärmespeicher anlegen. Damit machen wir Kassel für die Zukunft krisenfest. Zudem soll es gerecht für alle Bevölkerungsgruppen zugehen.

Wo verorten Sie sich politisch?

Ich bin weder links- noch rechtsdrehend, sondern absolut in der Mitte. Ich habe immer ein offenes Ohr für gute Argumente. Das ist ein Vorteil, der sich auszahlen wird.

Sie sagen von sich, dass Sie ein sehr sachlicher Typ seien. Würden Sie gern emotionaler sein?

Ich bin hoffentlich authentisch. Und wenngleich ich wenig impulsiv bin, kann ich mich sehr für Dinge begeistern. Wer mich in der Stavo erlebt hat, wird festgestellt haben, dass ich auch Reden halten kann, die es in sich haben.

Wieso wollen Sie Ihre Anwaltskanzlei gegen den Job als OB tauschen, der nie Feierabend hat?

Ich denke, beides sind Berufe, in denen man rund um die Uhr arbeiten kann. Meine Motivation ist es, politisch zu gestalten. Das war für mich der entscheidende Grund, in die Politik zu gehen und mich für dieses Amt zu bewerben.

Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Unabhängig von der aktuellen politischen Wetterlage sind unsere Chancen sehr gut, denn wir haben einen echten Plan für die Zukunft. Zudem hat sich herausgestellt, dass sich die SPD in einem Zustand tiefster Zerrissenheit befindet. Sie ist derzeit nicht regierungsfähig. (Matthias Lohr)

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