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Schöne neue Vorstadtwelt: Kasseler Forscher untersuchen, ob die Zukunft der Stadt am Rand liegt

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Von: Katja Rudolph

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Alle reden von den sterbenden Innenstädten. Dabei lohnt sich ein Blick an der Ränder der Metropolen: Entsteht dort die Zukunft des Wohnens? In einem Forschungsprojekt untersucht die Universität Kassel die schöne neue Vorstadtwelt.

Kassel – Seit Jahren geht der Trend vom Land in die großen Städte. Dort wird der Wohnraum inzwischen knapp. Die Nachverdichtung innerhalb der Kernstädte kommt zunehmend an ihre Grenzen. In deutschen Metropolen werden daher wieder neue Quartiere am Stadtrand geplant und gebaut. Entsteht die Zukunft der Städte in der Peripherie? Dieser Frage geht eine interdisziplinäre Forschungsgruppe aus Stadt- und Landschaftsplanung sowie Sozialwissenschaften unter Leitung der Universität Kassel nach.

Ob Oberbillwerder in Hamburg, Dietenbach in Freiburg oder der „Stadtteil der Quartiere“ in Frankfurt: In den neu entstehenden Randbezirken wird das Wohnen neu gedacht – mit dem Anspruch urban, lebenswert und nachhaltig zu sein. „Alles was man sich an städtebaulicher Innovation denken kann, soll dort Realität werden“, sagt Uwe Altrock, Professor für Stadterneuerung und Planungstheorie und Sprecher der Forschungsgruppe. „Uns interessiert, inwieweit das in der Praxis auch gelingt.“

Während man mit städtischen Außenbezirken bislang vor allem Einfamilienhaus-Siedlungen oder sozial benachteiligte Hochhaus-Silos verbindet, wollen die neuen Quartiere es sowohl mit Blick auf Umwelt und Flächenverbrauch als auch auf das nachbarschaftliche Zusammenleben besser machen. So sind in der Regel große Mehrfamilienhäuser geplant, zwischen denen attraktiv gestaltete Freiflächen für Leben sorgen sollen.

Der öffentliche Raum ist dabei den Menschen statt dem Verkehr vorbehalten. Autos bleiben im Wortsinn außen vor in zentralen parkhausartigen „Mobility Hubs“, die auf Carsharing und Elektromobilität setzen. Vorrang haben Fahrräder und der öffentliche Nahverkehr, der von Anfang an für attraktive Verbindungen in den neuen Vororten sorgen soll. Auf schnelle Autotrassen in die Zentren wird mitunter bewusst verzichtet.

Auch Arbeitsplätze, Schulen und Kitas, Einkaufsmöglichkeiten, Sportangebote und Gastronomie sollen die Quartiere bieten. Bei Bau und Planung stehen höchste Energiestandards, umweltgerechte Materialien und Ressourcenschonung ganz oben. Auch Barrierefreiheit wird von Beginn an mitgedacht.

Werden all diese hehren Pläne aufgehen? Oder erzwingt die Realität Abstriche? Wie werden Wohnen, Zusammenleben und Mobilität am Ende tatsächlich funktionieren? Diesen und weiteren Fragen widmet sich Forschungsgruppe am Beispiel von Großprojekten in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Freiburg. „Wir machen den Realitätscheck“, formuliert es Uwe Altrock, der die neuen Ansätze grundsätzlich für vielversprechend und richtig hält: „Aber vieles sind wohl Planerträume.“

Die Kasseler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden unter anderem untersuchen, wie sich die stadtplanerischen Leitbilder und beispielsweise die bauliche Dichte von Siedlungen in den vergangenen 40 Jahren verändert hat. Zudem soll analysiert werden, wie sich die Bewohnerschaft der neuen Quartiere zusammensetzt und ob dort etwa auch die Rollenverteilung in Familien neu gelebt wird. Auch die Freiflächen und dort vertretenen Tier- und Pflanzenarten in den innovativen Vorständen sollen unter die Lupe kommen.

Das Projekt mit dem Titel „Stadterweiterung in Zeiten der Reurbanisierung: neue (Sub-)Urbanität“ wird über vier Jahre mit insgesamt 3,3 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Beteiligt sind vier Fachgebiete aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung (ASL) der Universität Kassel. Kooperationspartner sind die Hafen-City-Universität Hamburg sowie die Berliner TU und Humboldt-Uni. (Katja Rudolph)

Zu sehen ist eine Visualisierung des künftigen Hamburger Stadtteils Oberbillwerder aus der Vogelperspektive.
Im neuen Quartier Oberbillwerder am östlichen Stadtrand von Hamburg sollen bis zu 7000 Wohneinheiten entstehen. © ADEPT mit Karres &Brands/IBA Hamburg
Urbanität am Stadtrand: So soll ein Nachbarschaftsplatz in Oberbillwerder aussehen.
Urbanität am Stadtrand: So soll ein Nachbarschaftsplatz in Oberbillwerder aussehen. © VISUALISIERUNGEN: ADEPT mit Karres &Brands/IBA Hamburg

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