Architektur-Studenten machen sich durch Selbsterfahrung mit Barrierefreiheit vertraut

Schritte in neue Wohnwelt

Alter zum Ausprobieren: Studentin Veronika Scheller steigt im Altersanzug Treppen hinunter. Hinter ihr steht Sandra Schmedes vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, die das Projekt koordiniert. Foto: Koch

Kassel. Für Architekten wird in den kommenden Jahrzehnten ein Thema immer zentraler: barrierefreies Bauen. Grund dafür ist eine älter werdende Gesellschaft, die in vielen der heutigen Wohnungen kaum zurechtkommen wird. Deshalb sensibilisiert das Uni-Projekt „Schrankenlos“ angehende Architekten für das Problem. In einem Wettbewerb treten die Studenten mit ihren Vorschlägen für den barrierefreien Umbau eines Hauses an der Goethestraße gegeneinander an.

Um sich mit den Herausforderungen und den Bedürfnissen des Lebens im Alter und mit Behinderungen vertraut zu machen, sammelten die Studenten ein Wochenende lang Selbsterfahrungen. Neben einem Austausch mit Menschen mit Behinderungen waren die Teilnehmer selbst mit Rollstühlen unterwegs und versuchten, sich mit eingeschränktem Seh- und Hörvermögen zu orientieren. Dabei probierten sie auch einen so-genannten Altersanzug aus, der die körperlichen Fähigkeiten im Alter simuliert: Gewichte beschweren Arme und Beine, Gelenkschoner schränken die Beweglichkeit ein.

Die Erfahrungen, die die Studenten sammelten, sollen sie nun berücksichtigen, wenn sie eine barrierefreie Wohnung entwerfen. Dies tun sie unter realen Bedingungen: Die Wohnungsbaugenossenschaft Vereinigte Wohnstätten 1889 lässt demnächst ihr Haus Goethestraße 154 barrierefrei umbauen. Für zwei der Wohnungen arbeiten die Projektteilnehmer jetzt an eigenen Planungen für einen Umbau. Die besten Ideen dieses Wettbewerbes sollen berücksichtigt werden – zudem gibt es ein Preisgeld von insgesamt fast 1000 Euro.

Der Bedarf an barrierefreien Wohnungen ist schon jetzt riesig: „Wir haben allein für das Haus Goethestraße 154, das kommendes Jahr umgebaut werden soll, schon über 80 Bewerber“, sagt Claudia Sporr von den Vereinigten Wohnstätten 1889. Besonders bezahlbarer Wohnraum sei in diesem Segment knapp.

Keine DIN-Norm

Zur Frage, was Barrierefreiheit eigentlich ausmacht, zählt Gudrun Jostes, die das Seminar leitet, gleich mehrere Beispiele auf: „Schwellenfreie Zugänge, breitere Türen, bodengleiche Duschen, aber auch Handläufe, auf denen Sehbehinderte taktile Informationen zum Stockwerk finden.“ Für Hörgeschädigte sei etwa auch die Raumakustik entscheidend. Mit DIN-Normen lasse sich bei der Planung jedenfalls nicht hantieren.

Das Uni-Projekt ist aus einer Zusammenarbeit von Paritätischem Wohlfahrtsverband, Vereinigten Wohnstätten und der Universität entstanden.

Ende Januar soll der studentische Architektenwettbewerb mit einer Preisvergabe abgeschlossen werden.

Von Bastian Ludwig

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