KASSELER SENIOREN  Sie wollen Jüngeren Mut machen

„Schule muss nicht perfekt sein“

Die Grundschulklasse von Helmut Bernert: Von der ersten bis zur vierten Klasse wurden alle Kinder gemeinsam unterrichtet. Helmut Bernert ist in der Mitte links mit einem Kreuz markiert.
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Die Volksschulklasse von Helmut Bernert: Von der ersten bis zur achten Klasse wurden alle Kinder gemeinsam unterrichtet. Helmut Bernert ist in der Mitte links mit einem Kreuz markiert.

Es ist eine Ausnahmesituation, bei der zunehmend auch Kinder und Jugendliche in den Blickpunkt rücken. Wir haben mit drei älteren Menschen gesprochen, die mit ihrer Lebenserfahrung den Jüngeren Mut machen wollen.

Kassel – Helmut Bernert hat einen Brief an die HNA geschrieben. Er wurde 1935 geboren und macht sich Sorgen um die jungen Menschen, die heute zur Schule gehen. Weil die wegen Corona teilweise gar keinen regulären Unterricht haben, sich weniger als sonst sehen und möglicherweise einige Defizite anhäufen, gibt es zahlreiche warnende Stimmen von Pädagogen, Psychologen und auch Politikern. „Ich will eigentlich nur Mut machen, Schule muss nicht perfekt sein“, sagt Helmut Bernert.

Auch unter schwierigen Rahmenbedingungen könne man immer noch viel erreichen, sagt der pensionierte Lehrer. Eine Erkenntnis, die auch andere Menschen aus seiner Generation teilen. Wir haben uns umgehört, starten aber mit dem Initiator der – nennen wir es mal – Seniorenmutmachaktion.

Helmut Bernert wurde 1941 in Troppau im damaligen Sudetenland eingeschult. Im Oktober 1944 begann die Flucht Richtung Westen. „Bis zum Mai 1946 hatte ich überhaupt keine Schule“, sagt er. Dann ging es in Rengershausen (heute Kreis Waldeck-Frankenberg) in einer einklassigen Dorfschule mit 50 Schülern in der Klasse weiter. Eine Lehre als Maler, Nachtschicht bei Conti, wegen Überlastung das Abendgymnasium abgebrochen, noch mal Schule in Kassel, mehrere Etappen bis zur Studienberechtigung im Jahr 1956 und mit 30 Jahren Lehrer an der damaligen Walter-Hecker-Schule (die ist heute nach Arnold Bode benannt). „Ja, ich hatte Defizite“, sagt Helmut Bernert. Insbesondere die Tatsache, dass er keine Fremdsprache gelernt habe, sei ein großes Manko. Und dennoch habe er seinen Beruf gern und ohne mit den zunächst schwierigen Bedingungen zu hadern ausgeübt. Genau das wolle er den Jüngeren jetzt mit auf den Weg geben. „Lasst euch nichts einreden, habt Mut und packt es an, trotz Corona“, sagt er.

Da kann sich Ingeburg Schramm (Jahrgang 1931) nur anschließen. „Es hilft gar nichts, Dinge, die schwierig sind, noch schlechter zu reden“, sagt sie. Ihr habe es geholfen, trotz vieler Rückschläge immer positiv zu denken.

Was aktuell gar nicht so leicht fällt. Denn ausgerechnet an ihrem 91. Geburtstag musste sie gestern zu einer Untersuchung ins Krankenhaus. Vorher hat sie uns aber noch am Telefon erzählt, warum auch sie jungen Menschen Mut machen will. „Es läuft im Leben nicht immer alles nach Plan, das darf einen aber nicht ausbremsen“, sagt die aus Erfurt in Thüringen stammende Frau. Selbst dort, 113 Kilometer Luftlinie entfernt – hat sie als Kind in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 den glutroten Himmel über Kassel gesehen. Dort wohnten ihre Großeltern.

Als Jugendliche in der DDR sei sie eine glühende Kommunistin gewesen. Bis die brutale Niederschlagung der Proteste am 17. Juni 1953 ihr die Augen geöffnet hätten. Hals über Kopf sei sie in den Westen geflüchtet. Dank ihrer Ausbildung als Technikerin sei sie bei der AEG in Kassel gelandet. Eine Exotin in einer Männerwelt, die sich aber zu behaupten wusste. Ihren Mann lernte sie bei einer Tanzveranstaltung auf der Bundesgartenschau 1955 in Kassel kennen. „Wir haben uns vielleicht zehnmal gesehen und dann geheiratet“, sagt Ingeburg Schramm. In ihrem Leben habe es jede Menge Unwägbarkeiten gegeben. „Mein Glas war immer halb voll, nie halb leer“, sagt sie. Auch dem Krankenhausaufenthalt sehe sie mit Optimismus entgegen. Den wünscht sie auch den Jüngeren, egal ob sie noch zur Schule gehen, eine Ausbildung machen oder studieren.

Dritter in der Seniorenrunde der Mutmacher ist Hansgeorg Kling (Jahrgang 1936). Er hat als Grundschulkind die Kasseler Bombennacht in der Innenstadt überlebt. Und obwohl die Familie nach Borken (Schwalm-Eder-Kreis) evakuiert wurde, ist er nach dem Krieg täglich mit dem Zug zur Schule nach Kassel gefahren. Die heutige Albert-Schweitzer-Schule (damals Realgymnasium) war zwar im Krieg schwer beschädigt worden, trotzdem fand hier Unterricht statt.

„Ich erinnere mich noch an Lehrer, die Trümmerschutt mit der Schubkarre abtransportierten“, sagt Hansgeorg Kling. Auch unter solchen Bedingungen habe er viel gelernt. „Wir haben uns damals darüber eigentlich keine Gedanken gemacht, wir kannten es ja nicht anders“, sagt er. An drei Tagen in der Woche ist er auch nachmittags mit dem Zug zum Sport nach Kassel gefahren. Nach dem Abitur und dem Studium kehrte er als Lehrer zurück an die Albert-Schweitzer-Schule. „Mein jüngerer Enkel macht nächstes Jahr Abitur“, sagt er. Ihm und allen anderen wünscht er, dass sie gut durch die Corona-Ausnahmesituation kommen. „Ich bin da sehr optimistisch“, sagt er. (Thomas Siemon)

Schülerin in Erfurt: Ingeburg Schramm flüchtete 1953 aus der DDR in den Westen.
Vom Krieg gezeichnet: So sah die Albert-Schweitzer-Schule damals aus. In der Baracke unten hatte Hansgeorg Kling Unterricht.
Helmut Bernert
Ingeburg Schramm
Hansgeorg Kling

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