Initiative aus Kassel will, dass auch über 18-Jährige Abschluss machen können

Schule steht nicht allen jungen Flüchtlingen offen

Bildung im Blick: Der Jugendmigrationsdienst der Caritas will mit einer Petition dafür sorgen, dass Flüchtlinge auch noch mit über 18 Jahren ihren Schulabschluss nachmachen können. Das Foto zeigt (von links) die Schwestern Sheekeba (17) und Diba (19) aus Afghanistan, daneben Praktikantin Sophia Schönig und Sozialpädagogin Nathalie Dettmar. Foto: Müller

Flüchtlinge sollen auch dann zur Schule gehen dürfen, wenn sie älter als 18 Jahre sind. Das fordert der Jugendmigrationsdienst der Caritas Nordhessen-Kassel - und hat eine Petition gestartet.

Sheekeba weiß, was sie einmal werden will: „Krankenschwester“, sagt die 17-Jährige, die aus Afghanistan nach Deutschland kam. Dafür hat sie die wichtigste Voraussetzung geschafft: einen Schulabschluss. Ihrer Schwester Diba jedoch bleibt diese Möglichkeit derzeit verwehrt. Sie ist mit 19 Jahren zu alt.

Grund ist eine neue Regelung, die für Hessen ab diesem Schuljahr gilt. Damit fällt die Möglichkeit für Flüchtlinge über 18 weg, in speziellen Förderklassen den Hauptschulabschluss zu machen.

Familie auf Flucht getrennt

„Da besteht dringend Handlungsbedarf“, sagt Nathalie Dettmar vom Jugendmigrationsdienst des Caritasverbandes Nordhessen-Kassel. Mit einer Petition will man das Problem an die Öffentlichkeit bringen – und Betroffenen wie Diba helfen.

Diese war zusammen mit ihrer Schwester Sheekeba vor knapp zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Geflüchtet waren sie mit ihrer Familie auch deshalb, weil in ihrem ländlichen Wohnort in Afghanistan der Schulbesuch eigentlich den Jungen vorbehalten und für Mädchen nur unter erschwerten Bedingungen möglich war.

Auf der Flucht verloren sie ihre Mutter und drei weitere Geschwister aus den Augen. Die Schwestern kamen in Bayern unter, dort machte die jüngere ihren Abschluss, die ältere ging ebenfalls einige Monate zur Schule. Damit war für sie allerdings Schluss, als sie nach Kassel kam. Dorthin zogen beide in diesem Jahr – zu ihrer Familie, die vom Rot-Kreuz-Suchdienst ausfindig gemacht worden war.

Die Wiedersehensfreude war groß, doch der Schulbesuch bleibt Diba hier verwehrt, in Hessen gelten nun andere Altersgrenzen. Dabei seien Sprache und Schulabschluss Voraussetzung, in Deutschland wirklich Fuß zu fassen und die Chance auf eine qualifizierte Arbeit zu haben, betont die Caritas.

So wie bei Sheekeba. Sie habe in einem Jahr Intensivklasse ihren Hauptschulabschluss geschafft, erzählt sie. Das sei schwierig gewesen, aber sie wollte es unbedingt: „Weil das das Wichtigste ist“, sagt die 17-Jährige.

Nachbarin half 

Es habe auch Spaß gemacht – und eine Nachbarin habe ihr sehr geholfen und jeden Tag nach Schulschluss mit ihr noch stundenlang geübt. Nun tritt sie eine Ausbildungsstelle als Altenpflegehelferin an, später möchte sie dann auf Krankenschwester umsteigen.

Solche Ziele sind für ihre Schwester Diba noch in weiter Ferne. „Ich würde gern zur Schule gehen“, sagt sie hier beim Gespräch im Kolpinghaus in Kassel, langsam nach den Vokabeln suchend.

Stockt sie etwas, springt ihre Schwester für sie als Übersetzerin ein. Vor Sprachkurs und Schule habe sie auch nicht gewusst, wie man Deutsch spricht oder schreibt, sagt Sheekeba. „Aber das war meine Zukunft, das wollte ich schaffen.“

Das sagt die Gewerkschaft

An der Regelung der Beschulung von Flüchtlingen über 18 Jahren gibt es auch Kritik von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Deren Landesvorsitzende Birgit Koch (Kassel) äußert sich wie folgt: Es sei absolut skandalös, dass nur 16- und 17-jährige Schüler in die entsprechenden Intensivklassen an den Berufsschulen aufgenommen werden. „Wer das 18. Lebensjahr vollendet hat, bleibt draußen.“ Hier gehe Hessen einen einsamen Sonderweg.

Andere Bundesländer versuchten, es anders zu machen. In Bayern etwa würden 16- bis 21-Jährige zwei Jahre intensiv gefördert. Dies beginne, wenn nötig, mit der Alphabetisierung, gefolgt von einem Sprachkurs, dem Erwerb eines Schulabschlusses und münde in der Aufnahme einer dualen Ausbildung, um die sich die Schulen kümmern. „Hier werden die Begriffe Integration und Abschluss praktisch umgesetzt und junge Zuwanderer werden wirklich richtungsweisend gefördert“, ergänzt Birgit Koch. Das sei auch die GEW-Forderung für Hessen. Das nun hier angelaufene Programm „Intea“ sei Flickwerk. Es fehle an einem schlüssigen Gesamtkonzept, das jungen zugewanderten Menschen in Hessen eine Chance zum Erlernen der Sprache, zum Erwerb eines Schulabschlusses und zur Aufnahme einer Ausbildung oder den Besuch einer weiterführenden Schule ermögliche.

„Nach wie vor brauchen wir das Recht auf Schulbesuch für 16- bis 21-jährige Jugendliche auch über die Schulpflicht hinaus“, fordert die GEW-Landesvorsitzende. „Und sollten zugewanderte Jugendliche weniger als acht Schulbesuchsjahre in ihrem Herkunftsland absolviert haben, muss sich das Recht auf den Schulbesuch auch auf das 25. Lebensjahr verlängern.“

Online-Aufruf hat über 3000 Unterstützer

„Faire Zukunftschancen für alle – Zugang für Schule auch für neu zugewanderte Migranten Ü 18“: So heißt eine Petition an den Hessischen Landtag, die der Jugendmigrationsdienst des Caritas-Verbands Nordhessen-Kassel gestartet hat.

Hintergrund ist laut den Initiatoren, Caritas-Praktikantin Sophia Schönig und Sozialpädagogin Nathalie Dettmar, dass in Hessen für das neue Schuljahr 2015/16 regulär keine Schulplätze für neu zugewanderte Migranten über 18 Jahre mit Sprachförderbedarf zur Verfügung gestellt werden. Das entsprechende Förderprogramm für spezielle Sprachklassen an Berufsschulen (Eibe) sei im Sommer ausgelaufen, das neue Programm Intea stelle nur in absoluten Einzelfällen Schulplätze in Aussicht. In Bayern dagegen sei der Berufsschulbesuch für diese Gruppe bis 21 und teilweise sogar bis 25 Jahre möglich.

„Wir haben hier beim Jugendmigrationsdienst so viele junge Flüchtlinge, die zur Schule gehen wollen, aber es geht nicht“, sagt Nathalie Dettmar. Als Fachdienst, der im Auftrag des Bundesfamilienministeriums arbeite, sehe man den Ausschluss einer ganzen Altersgruppe von Bildungschancen in Hessen mit großer Sorge. Daher fordere man den Landtag auf, dazu Stellung zu beziehen. Die Petition hatte gestern 3290 Unterstützer, davon 1900 in Hessen. Sie ist hier erreichbar.

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