Präsenzpflicht wird ausgesetzt – Kitas für alle Kinder offen

Neue Corona-Regeln: Kein einheitlicher Kurs für Kasseler Schulen

Schüler im Klassenzimmer
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Unterricht auf Distanz: Für die Schüler in Stadt und Kreis Kassel fällt der Unterricht im Klassenzimmer wegen der Corona-Pandemie bis Ende Januar weitgehend weg. Wenn Eltern arbeiten gehen müssen und sich nicht zu Hause um die Kinder kümmern können, können diese allerdings in die Schulen kommen.

Nach Beschluss des Hessischen Corona-Kabinetts im Nachgang zur Bund-Länder-Schalte vom Dienstag wird es an den Schulen in Hessen ab kommender Woche einen Mix aus Präsenz- und Distanzunterricht geben.

Für die Krippen und Kindergärten hat sich die Landesregierung gegen ein Betretungsverbot entschieden.

Zu den Schulen erklärte Kultusminister Alexander Lorz gestern, dass für die Jahrgangsstufen 1 bis 6 die Präsenzpflicht bis zum 31. Januar ausgesetzt bleibe. Diese Schüler könnten grundsätzlich in die Schule gehen. Dann gelte der eingeschränkte Regelbetrieb mit Präsenzunterricht in festen Lerngruppen. „Ich appelliere aber an alle Eltern, ihre Kinder – wann immer möglich – im Sinne der Kontaktreduzierung zu Hause zu behalten.“ Ab Klasse 7 werde mit Ausnahme von Abschlussklassen Distanzunterricht angeboten.

Für die Leiterin des Staatlichen Schulamtes für den Landkreis und die Stadt Kassel, Annette Knieling, ist die weitgehende Aussetzung des Präsenzunterrichtes vor dem Hintergrund der Situation und der schwankenden Fallzahlen nachvollziehbar. „Wie die Schulen und viele Familien wünsche ich mir über diesen Zeitpunkt hinaus ein der Gesamtlage angepasstes Unterrichtsmodell, möglichst in einer landesweit einheitlichen Umsetzung bis zum Beginn der Osterferien, um allen am Bildungsprozess Beteiligten Planungssicherheit zu geben“, so Knieling.

In Krippen und Kindergärten soll die Kontaktreduzierung weiterhin auf der Appellebene funktionieren: Einrichtungen sollen jedem Kind Betreuung anbieten, Eltern sind aber gleichzeitig angehalten, ihr Kind selbst zu betreuen. Dafür können sie bis zu zehn zusätzliche Tage Kinderkrankengeld je Elternteil geltend machen.

Die hiesigen Einrichtungen rechnen ab kommender Woche mit einer Zunahme der zu betreuenden Kinder. Antje Proetel vom Dachverband freier Kindertageseinrichtungen hält daher das Fehlen von Kriterien für die Betreuung für problematisch: „Das pädagogische Personal gerät unter Druck. Ich sehe schon jetzt stark belastete Einrichtungsleitungen, die sagen, sie diskutieren einfach nicht mehr.“ Positiv ist aus ihrer Sicht die Ausnahmeregelung zu bewerten, dass „familiäre Betreuungsgemeinschaften“ zulässig sind. Damit bliebe Eltern mehr Spielraum für die heimische Betreuung der Kinder.

Lorz versichert gleichen Lernfortschritt

Kultusminister Alexander Lorz betonte gestern, dass die Landesregierung bei sinkenden Infektionszahlen Präsenzunterricht auch wieder für die Klassen 1 bis 6 anstrebe. Zugleich versicherte er, dass es im Lernfortschritt der Schüler, die im Klassenraum und derjenigen, die auf Distanz unterrichtet werden, keinen Unterschied geben werde. Das sorgt für Kritik von Vertretern der Lehrergewerkschaft GEW und dem Deutschen Lehrerverband.

Corona in Kassel: Schulen müssen nach neuen Regelungen nun Lösungen anbieten

Es ist ein herausfordernder Mix aus Präsenz- und Distanzunterricht, den das Corona-Kabinett gestern für die Schulen beschlossen hat. Die Kitas hingegen bleiben grundsätzlich geöffnet, Eltern sollen ihre Kinder aber nach Möglichkeit zuhause lassen. Wir haben erste Reaktionen auf die neuen Beschlüsse eingeholt.

Dominik Becker, Leiter der Kasseler Georg-August-Zinn-Schule, hat die Pressekonferenz der Landesregierung gestern aufmerksam verfolgt. „Ich überlege, was das jetzt für uns heißt und wie wir das organisieren“, sagte er gestern Abend im Anschluss. Der Mix aus Präsenz- und Distanzunterricht sei für die Lehrkräfte ein ganz schöner Spagat. „Es ist ziemlich schwer, für verschiedene Stufen verschiedene Lösungen anbieten zu müssen“, sagt er. „Aber wir hatten das ja alles schon mal und werden uns bis Montag Schritt für Schritt rantasten und nachjustieren.“

Unklar sei auch, wie der Präsenzunterricht für die Abschlussklassen gestaltet sein muss, also ob alle Fächer oder nur die Hauptfächer unterrichtet werden müssen. Bislang seien die Vorgaben noch recht dürftig. Becker hofft, dass die detaillierten Bestimmungen des Landes mehr Klarheit bringen.

Die Versicherung Lorz’, dass es keinen Unterschied im Lernfortschritt der Schüler im Distanz- und Präsenzunterricht gebe, stimmt Becker nicht zu. „Dann wäre es ja egal, ob ich als Lehrer vor einer Klasse stehe.“

Das sieht auch der Co-Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW in Nordhessen Carsten Leimbach so. „Das ist einfach weltfremd. Dann könnte man ja auch einen Roboter vor die Klasse stellen“, sagt der Lehrer, der an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel unterrichtet. Er ist enttäuscht von den Beschlüssen und fürchtet eine zusätzliche Belastung für Lehrer und Schüler. „Wir plädieren klar für Wechselunterricht mit geteilten Gruppen.“

Den hätte auch Boris Krüger bevorzugt. „Dann wäre der gleiche Lernfortschritt eher gewährleistet gewesen“, sagt der Lehrer der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule und Kreisvorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes. Auch er widerspricht Lorz vehement. „Der Kultusminister hat mit seiner Aussage zum gleichen Lernfortschritt bei Distanz- und Präsenzunterricht eine Erwartungshaltung aufgebaut, die zwangsläufig enttäuscht werden wird.“

Es stehe außer Frage, dass beide Unterrichtsarten nicht gleichermaßen gut klappen würden. „Es mangelt nach wie vor bei vielen Schülern an Breitbandanschlüssen, Kameras und mobilen Endgeräten“, beschreibt er die Situation. Und für die Lehrer sei die doppelte Arbeit, die mit dem Mix auf sie zukomme, kaum mehr zu leisten. Krüger kritisiert zudem die kurze Zeitspanne, die den Schulen jetzt bliebe, um sich zu organisieren, den Bedarf abzufragen und zu planen.

„Ich bin jetzt erst mal ein wenig überfahren“, sagt auch Christine Saure, Schulleiterin der IGS Kaufungen nach der Pressekonferenz. „Jetzt kommt noch ein ganz schönes Stück Arbeit auf uns zu.“ Es müsse zuerst einmal abgefragt werden, welches Kind der fünften und sechsten Klassen ab Montag in die Schule kommt.

„Es geht auf jeden Fall nicht, dass ein Kind dienstags kommt und dann erst donnerstags wieder“, sagt Saure. „Das muss verlässlich geklärt werden.“ Die Schulleiterin rechnet damit, dass ab Montag nur noch wenige Kinder in die Schule kommen. „In der Woche vor den Weihnachtsferien waren teilweise nur vier Kinder hier. Ich denke, dass auch diesmal viele Eltern ihre Kinder zu Hause lassen werden, wenn sie können.“

Saure hätte sich gewünscht, dass die Schule in der nächsten Woche noch geschlossen bliebe, damit man sich sortieren könne. „Diese eine Woche hätten die Eltern sicher überbrücken können.“

 Corona in Kassel: Das sagen Kindergärten und Krippen zu den neuen Regelungen

„Herr Bouffier spricht von einer bedrohlichen Lage, aber lässt die Kindergärten offen. Uns wäre eine Notbetreuung lieber gewesen“, sagt Sven Lindner, Vorstand des Kinderladens Drachengarten. Dort werden aktuell vier Kinder betreut. Eines, dessen Mutter Krankenschwester ist, sowie drei Kinder aus Großfamilien, die Entlastung bräuchten.

Bislang habe der Appell der Landesregierung funktioniert – „ob das Freiwillige jeder so durchhält, ist die Frage“. Wenn nicht, käme man zwangsläufig in die Situation, dass auch die älteren Erzieher, die zur Risikogruppe gehören, arbeiten müssen, um wiederum die Hygienevorgaben einhalten zu können. „Man muss doch auch mal ein bisschen an die Erzieher denken.“

Lindners Bedenken teilen auch viele andere Einrichtungen freier Träger, wie Antje Proetel vom Dachverband Dakits bestätigt. „Ich betrachte das mit großer Sorge.“ Auch Monika Creutzburg, Leiterin der Kita Espe-Aue in Espenau, hatte sich mehr Klarheit für ihren Arbeitsalltag gewünscht: „Wir brauchen deutliche Angaben, welches Kind jetzt noch in die Kita gehen darf und welches nicht. Zurzeit ist es sehr schwierig, das zu entscheiden.“ Diese Unklarheit belaste die Mitarbeiter enorm. „Ist ein triftiger Betreuungsgrund gegeben, wenn eine Mutter zum Beispiel ihren kranken Vater pflegen muss? Oder wenn ein Elternteil im Homeoffice arbeitet und es theoretisch möglich wäre, das Kind zu Hause zu betreuen?“ tno/ali/nis

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