Blick hinter die Kulissen: Das Polizeipräsidium am Königstor heute

Kassel. Seit die Polizei 1999 aus dem Polizeipräsidium am Königstor ausgezogen ist, gab es nur Interimsnutzer für die Immobilie aus dem Jahr 1907. Derzeit nutzt die Museumslandschaft Hessen Kassel das Gebäude als Büro- und Lagerfläche. Wir haben uns in dem denkmalgeschützten Gebäude umgeschaut.

Astrid Arnold hat keine Angst um ihre Schätze. Die Leiterin des Kasseler Tapetenmuseums weiß, dass die 23 500 Objekte gut untergebracht sind. „Hier ist alles abgesichert und stets überwacht. Auch das Klima ist sehr gut“, sagt Arnold. Seitdem das Hessische Landesmuseum am Brüder-Grimm-Platz für 30 Millionen Euro saniert wird, sind die Exponate, von kleinen Fragmenten bis hin zu Panoramatapeten, im ehemaligen Polizeipräsidium am Königstor eingelagert. Ein durchaus sicherer Ort.

Zudem sind dort, wo bis 1999 Ermittler Verbrechen aufklärten, Exponate aus der Vor- und Frühgeschichte, Bibliotheken der Museen sowie zwölf Büros von Museumsmitarbeitern untergebracht, zählt Dr. Micha Röhring, Planungsbeauftragter des Projekts Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK), auf.

„Wir werden das Gebäude bestimmt noch zehn Jahre nutzen“, sagt Röhring. Er weiß um die Schwierigkeiten dieser Immobilie. „Sie ist sehr repräsentativ, sie ist sehr preußisch.“ Das Gebäude sei als historisches Dokument sehr bedeutend, zumal es im Zweiten Weltkrieg, als hier auch die Gestapo untergebracht war, kaum beschädigt wurde.

Blick hinter die Kulissen: Das alte Polizeipräsidium

Blick hinter die Kulissen: Das alte Kasseler Polizeipräsidium

Andererseits ist völlig unklar, wie das frühere Präsidium langfristig genutzt werden kann. Als Bürogebäude sei es mit seinen bis über 4,50 Meter hohen Räumen nicht geeignet. „Wenn Sie da heizen müssen, wird es richtig teuer“, sagt Röhring. Ein Vorteil für die MHK sei, dass die Exponate aus der Vor- und Frühgeschichte keine Wärme benötigen. Das Verhältnis von Nutz- und Verkehrsfläche sei zudem nicht günstig: Von den 9200 Quadratmetern Bruttofläche könnten nur 6000 Quadratmeter genutzt werden.

Anfragen zerschlagen

Es habe in den vergangenen Jahren zwei bis drei Interessenten für das Gebäude gegeben, sagt Röhring. „Aber über eine einfache Anfrage ist das Interesse nicht herausgegangen. Das hat sich alles zerschlagen.“ Ideen gab es schon viele für die Standortnutzung: Eigentumswohnungen, Hotel oder Museum. Wie auch immer: Eine Sanierung der Immobilie würde mehrere Millionen Euro kosten. Die MHK hat große Teile des Präsidiums mittlerweile belegt. Nur für eine Abteilung hat man keine wirkliche Verwendung: Das Gewahrsam im Flügel an der Hermannstraße steht leer. „Das ist wirklich nicht gemütlich“, sagt Röhring. Er untertreibt.

Wie im Schurkenstaat

Es ist nur schwer vorstellbar, dass in diesen kleinen, gammeligen Räumen bis zum Jahr 1999 Tatverdächtige untergebracht waren. So stellt man sich Zellen in einem südamerikanischen Schurkenstaat vor. An der Tür von Zelle 101 steht: 3,48 Quadratmeter, 10,44 Kubikmeter. Röhring hat diesen Trakt allerdings mal einem Filmemacher aus Berlin gezeigt. Der sei von den Räumen durchaus angetan gewesen. Als Drehort für einen düsteren Kriminalfilm ist das Gewahrsam sicher geeignet.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Hintergrund: Monumentaler Prachtbau

Das Polizeipräsidium am Königstor, das nach den Entwürfen des Königlichen Baurats Trimborn errichtet worden war, wurde im Juli 1907 offiziell eröffnet. Der erste Spatenstich war im Herbst 1904 gemacht worden. In einem Zeitungsartikel wurde von „einem monumentalen Prachtbau, der, ohne an die gewohnten Regeln des Barock gebunden zu sein, sich doch in glücklichster Harmonie den in den oberen Stadtteilen vorherrschenden Barockbauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert passt“.

Zwischen 1933 und 1945 war auch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in dem Gebäude untergebracht. Seit 1992 erinnert eine Gedenktafel, die an der Weigelstraße steht, an die mehr als 120 Gefangenen, die von der Gestapo im März 1945 in Kassel und Guxhagen ermordet worden sind.

1957 kam das Polizeipräsidium in die Schlagzeilen, weil verschiedene Stadtverordnete, wie auch Dr. Elisabeth Selbert, die Zustände im Polizeigewahrsam (winzige Zellen, schmutzige Matratzen) beanstandeten. Selbert sagte damals: „Was wir vorgefunden haben, war teilweise erschreckend.“

Im Juli 1999 verließ die Polizei das Gebäude am Königstor und zog in das neue Polizeipräsidium im „Goldenen Loch“ am Kulturbahnhof, das für 110 Mio. Mark (über 56 Mio. Euro) gebaut worden war. (use)

Rubriklistenbild: © Schachtschneider/HNA

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