Mit Computermodell simulieren Kasseler Forscher Erschütterungen an antiken Bauten

Schutz für alte Tempel

Testobjekt: Wissenschaftler der Uni Kassel erforschen, wie man Ruinenstätten wie den Neptuntempel (auch Poseidontempel) im italienischen Paestum (bei Neapel) vor Erschütterungen schützen und langfristig erhalten kann. Foto:  dpa

Kassel. Ingenieure der Universität Kassel entwickeln ein Computermodell für antike Tempel, das Erdbeben simuliert. Professor Uwe Dorka und sein Forscherteam vom Fachgebiet Stahl- und Verbundbau wollen herausfinden, welche Techniken sich eignen, um die teils mehrere Tausend Jahre alten Bauten vor dem Einsturz zu bewahren. So könnten beispielsweise Sehnen aus Stahl künftig Tempelsäulen stabilisieren.

Testobjekt für die Kasseler Forscher ist der Neptuntempel von Paestum, eine als Unesco-Weltkulturerbe anerkannte Ruinenstätte in der Nähe von Neapel. Der Tempel wurde im Jahr 450 vor Christus nach griechischem Vorbild gebaut und ist mit seinen 38 Säulen vergleichsweise gut erhalten. Um das Bauwerk jedoch langfristig und denkmalschutzgerecht zu stabilisieren, sei der Einsatz moderner Erdbebentechnologie notwendig, sagt Uwe Dorka.

„Zuerst wird der Tempel vermessen und der Untergrund analysiert“, sagt der 58-Jährige. Diese Daten fließen dann in ein virtuelles Tempelmodell ein. Um möglichst realistische Werte bei einem Beben zu bekommen, bauen die Forscher in ihrem Kasseler Labor zudem eine Tempelsäule nach. „Den Nachbau koppeln wir dann online an das Computermodell“, sagt der Erdbebeningenieur, der seit zehn Jahren am Holländischen Platz lehrt und forscht.

Die während einer Erdbebensimulation an der Säule gemessenen Kräfte und Verschiebungen können so zeitgleich auf das virtuelle Modell und den rund vier Meter hohen Nachbau wirken. „Da wir unsere Versuchssäule digitalisieren, kann sie jede Tempelsäule im Modell, egal ob an einer Ecke oder in der Mitte, ersetzen“, erklärt der Erdbebeningenieur, „wir können somit sämtliche Varianten durchspielen.“

Stahlseile wirken wie Sehnen

Die Simulation soll auch Aufschluss darüber geben, ob der Einsatz sogenannter Tendon-Systeme für den Erdbebenschutz griechischer Tempel sinnvoll ist. Bei dieser Technologie werden meterlange dünne Stahlseile senkrecht in die Säulen eingeführt. Die Seile wirken ähnlich wie Sehnen im menschlichen Körper und sorgen dafür, dass sich der Tempel bei Erschütterungen kontrolliert in alle Richtungen bewegen kann, ohne einzustürzen.

„Der Vorteil dieser Systeme besteht darin, dass sie nicht die Bausubstanz angreifen und sich jederzeit ohne Schäden wieder entfernen lassen“, sagt Dorka. Denn die Stahlsehnen könnten problemlos durch bestehende Längsbohrungen eingefädelt werden, die bereits von den antiken Steinmetzen in die Tempelsäulen eingearbeitet wurden.

Das Forschungsprojekt ist auf drei Jahre angelegt und wird mit 300 000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Von Sebastian Schaffner

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