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Corona-Debatte: Wie lange muss das Gesundheitsamt noch Kontakte nachverfolgen?

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Von: Matthias Lohr, Florian Hagemann

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Immer mehr Kontakte: Teamleiter Michael Pogadl vom Gesundheitsamt, das für Stadt und Kreis Kassel zuständig ist. Im Herbst 2020 hatte eine infizierte Person vier bis fünf Kontaktpersonen, heute sind es 40 bis 50. Darum gab es einen Strategiewechsel.
Immer mehr Kontakte: Teamleiter Michael Pogadl vom Gesundheitsamt, das für Stadt und Kreis Kassel zuständig ist. Im Herbst 2020 hatte eine infizierte Person vier bis fünf Kontaktpersonen, heute sind es 40 bis 50. Darum gab es einen Strategiewechsel. © Privat/nh

Wegen der gestiegenen Inzidenzen kann das Gesundheitsamt längst nicht mehr alle Kontakte nachverfolgen. Wie geht es nun weiter?

Kassel – Beschäftigt die Stadt Kassel genug Personal für die Kontaktpersonennachverfolgung (KPNV)? Darüber wird politisch gestritten. Die Linke kritisiert, dass im Gesundheitsamt nur noch 25 sogenannte Vollzeitäquivalente für diesen Aufgabenbereich zur Verfügung stehen – ursprünglich gab es 100. Gegenüber der HNA erklären Amtsleiterin Regine Bresler, Teamleiter Michael Pogadl und Oberbürgermeister Christian Geselle, warum 30 Köpfe in den Ermittlerteams nun ausreichen, was die Arbeit so schwierig macht und wann die KPNV komplett überflüssig werden könnte. Wir haben die wichtigsten Aussagen protokolliert.

Die Strategie

Bresler: Solange die Inzidenzen niedrig waren, haben wir versucht, alle Kontakte nachzuverfolgen. Dies ist spätestens mit den exorbitant gestiegenen Fallzahlen in der Omikron-Welle nicht mehr zu schaffen. Wir sind einmal davon ausgegangen, dass wir bei einer Inzidenz von 50 fünf Personen pro 20 000 Einwohner für die KPNV brauchen. Bei einer Inzidenz von 500 wären das für die Größe unserer Stadt 1000 Mitarbeiter. Das ist natürlich unrealistisch. Darum hat das Land im Herbst die Strategie geändert: Wir legen den Fokus nun insbesondere auf vulnerable Gruppen beispielsweise in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Dort leben Menschen, die ein erhöhtes Risiko für eine Infektion und für einen schweren Krankheitsverlauf haben.

Geselle: Man darf die jetzige Lage nicht mehr mit der vor einem oder zwei Jahren vergleichen, als niemand geimpft und die Inzidenz der maßgebliche Maßstab war. Jetzt ist die Hospitalisierungsrate ein entscheidender Indikator. Und die ist weitaus niedriger als vor einem Jahr. Darum geht es bei der KPNV nicht mehr um Eindämmung, sondern um Schutz.

Das Personal

Geselle: Die Kasseler Linke hat aus politischen Gründen den Eindruck erweckt, unsere Mitarbeiter würden sich nicht ordentlich kümmern. Das stimmt nicht und da wehre ich mich entschieden gegen. Die Mitarbeiter in der KPNV sind für mich die stillen Helden, die dafür gesorgt haben, dass wir wahnsinnig gut durch die Pandemie gekommen sind. Darüber bin ich sehr dankbar. Dass sich ehemalige Mitarbeiter unzufrieden an die Presse wenden, liegt vielleicht daran, dass sie jetzt nicht mehr bei uns beschäftigt sind.

Der Ablauf

Bresler: Wenn wir eine Labormeldung über einen positiven Befund mit einer Handy-Nummer oder Mailadresse bekommen, erhält diejenige Person eine Push-SMS des Gesundheitsamtes beziehungsweise eine E-Mail mit allen notwendigen Informationen. Diese neuen Kommunikationswege hatten wir zu Beginn der Pandemie nicht. Da haben wir alles mündlich am Telefon besprochen, sodass ein Mitarbeiter in einer Stunde höchstens vier Telefonate führen konnte. Per SMS und Mails erreichen wir in der gleichen Zeit viel mehr Menschen. Im Übrigen gibt es seit einem Jahr die Selbstverpflichtung, dass man in Quarantäne muss, sobald ein positives Testergebnis vorliegt. Das sollte mittlerweile bekannt sein – da braucht es keinen Anruf der KPNV.

Die Konflikte

Pogadl: Wenn wir merken, dass wir geholfen haben, gehe ich mit einem guten Gefühl nach Hause. Vor einer Woche gab es ein äußerst emotionales Telefonat, das ich beenden musste. Später haben wir wieder telefoniert und konnten die Sache klären, als sich die Emotionen beruhigt hatten. Am Ende hat der Mann sich bedankt. Man muss sich immer klarmachen: Nicht das Gesundheitsamt oder wir Mitarbeiter sind das Problem für die Menschen am anderen Ende der Leitung. Vielmehr hat uns die Pandemie alle aus der Komfortzone geholt.

Die Regeländerungen

Bresler: Schwierig war es zuletzt, als das Bundesgesundheitsministerium bereits Quarantäne-Verkürzungen auf seiner Homepage veröffentlicht hat, die in Hessen noch gar nicht in Kraft sind. Für unsere Arbeit müssen wir das Infektionsschutzgesetz sowie zahlreiche Verordnungen beachten. Das ist eine komplexe Situation und für die Betroffenen genauso schwierig wie für uns. Wir müssen immer auf dem aktuellen Stand sein.

Das Freitesten

Bresler: Es gab nie eine Anweisung, Eltern nicht mitzuteilen, dass sich ihre Kinder aus der Quarantäne freitesten können, wie ein ehemaliger Mitarbeiter uns vorgeworfen hat. Ich denke, wir haben immer darauf hingewiesen, wenn es im Telefonat gefragt wurde. Es gab eine kurze Phase, als die Regelungen neu und Teststellen geschlossen waren – da lagen die Prioritäten in der Telefonberatung auf einem anderen Fokus. Aber es stand alles immer in den Informationsschreiben, die wir versenden. Die Vorwürfe haben die Mitarbeiter extrem geärgert.

Die Emotionen

Pogadl: Wenn wir vom Tod eines infizierten Menschen erfahren, dann bewegt das natürlich auch uns. Oder wenn wir mitbekommen, dass da plötzlich ein 16-jähriges Mädchen die Verantwortung über vier jüngere Geschwister übernehmen muss, weil die Eltern beide wegen Corona ins Krankenhaus mussten. Wir versuchen dann alles, dass wir schnell entsprechende Hilfen organisieren. Skurrile Geschichten gibt es auch immer wieder. Ich erinnere mich an einen erbosten Ehemann, der von seiner Familie wegen seiner Infektion in die Garage auf ein Feldbett ausquartiert wurde. Die Pandemie erzeugt vorher nie denkbar gewesene Konstellationen.

Die Digitalisierung

Bresler: Natürlich müssen wir immer noch faxen, weil es der Datenschutz vorschreibt, solange es keine sicheren digitalen Lösungen gibt. Und es gibt zahlreiche Labore, Unternehmen und Arztpraxen, die nur faxen können. Aber die Digitalisierung schreitet immens voran: In den vergangenen 22 Monaten haben wir viele neue Software-Systeme installiert.

Die Perspektive

Bresler: Die spannende Frage ist: Wann wird das Coronavirus endemisch? Dann werden wir die KPNV ganz einstellen. Bis dahin bleibt Corona eine Wundertüte. Die Modellrechnungen des Robert-Koch-Instituts für den Herbst sind exakt so eingetreten. Aber wir wissen auch nicht, ob und wann eine neue Mutante kommt. (Matthias Lohr und Florian Hagemann)

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