Reviere der Tiere bis zu 40 Kilometer entfernt

Schwarzer Vogelschwarm über Kassel: Darum sind so viele Rabenkrähen in der Stadt

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Schaurig schön: Die Rabenkrähen genießen – wie auch manch anderer Rabenvogel – nicht den besten Ruf in der Bevölkerung. Früher galten sie als Galgenvogel. Unser Bild zeigt eine Ansammlung von Tieren am Lutherkirchturm.

Kassel. In der Dämmerung sieht man dieser Tage Hunderte Rabenkrähen über Kassel kreisen. Wir erklären das Phänomen der vielen Rabenvögel am Himmel.

Es ist ein allabendliches Schauspiel: In der Dämmerung sieht man dieser Tage Hunderte Rabenkrähen am Himmel kreisen und in den Bäumen sitzen. Bei der jüngsten Zählung der Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) wurden 2500 Tiere gezählt.

„Da wir nicht alle Tiere erfassen können, gehen wir von etwa 3000 Tieren aus“, sagt Harald Haag vom Kasseler Arbeitskreis der HGON.

Die Ankunft der Krähen lässt sich derzeit auf vielen mit Vogelkot übersäten Autos ablesen. Besonders im Rathaus-Innenhof, rund um den Entenanger und das Regierungspräsidium sowie an der Lutherkirche sammeln sich die Tiere zu großen Trupps.

Was Autofahrer ärgert, die unter einem Baum geparkt haben, den sich die Krähen als Schlafplatz ausgesucht haben, ist für die Ornithologen ein interessantes Phänomen. Denn der Großteil der Tiere hat sein Revier nicht in Kassel. „Die Rabenkrähen fliegen in den Wintermonaten allabendlich bei Einbruch der Dämmerung nach Kassel. Morgens ab 6 Uhr fliegen sie in ihr Revier zurück, das bis zu 40 Kilometer entfernt liegt“, sagt Haag.

Unter Beschuss: Dieser VW-Polo war an der Obersten Gasse, unter einem Schlafbaum der Rabenkrähen, abgestellt. Um das ganze Foto zu sehen, klicken Sie oben rechts.

Feld-Ornithologe Jens Voss, der auch bei der HGON aktiv ist, kennt die Gründe für die tägliche Pendelei der schwarzen Vögel: „Dass sich die Tiere im Winter in Schwärmen in der Stadt zusammenfinden, hat verschiedene Ursachen. Zum einen ist es in der Stadt wärmer als auf dem Land“, sagt Voss. Aber auch das Nahrungsangebot – etwa aus Mülleimern – sei ein Argument.

Sein Kollege Haag ergänzt, dass auch die fehlenden Feinde in der Stadt ursächlich sein. „Auf Dächern und in den Bäumen der Stadt müssen die Tiere wenig fürchten“, sagt Haag.

Die Population der Rabenkrähen sei in den vergangenen Jahren nicht größer geworden. Dass dieser Eindruck bei vielen entstehen, liege daran, dass mit Einbruch des Winters plötzlich tausende Krähen in der Stadt auftauchten, die im Sommer nicht zu sehen sein. Nur wenige Hundert Rabenkrähen lebten ganzjährig in Kassel. „Das sind auch die Tiere, die gerne die Mülltonnen plündern“, sagt Haag. Bei den gefiederten Schlafgästen sei dieses Verhalten kaum zu beobachten.

Nach Auskunft des Kasseler Gesundheitsamtes geht keinerlei gesundheitliche Gefahr von Rabenkrähen für die Bevölkerung aus. Ein Stadtsprecher bestätigt aber auf HNA-Anfrage, dass es wegen des Kots vereinzelt Beschwerden von Autofahrern gebe.

Die Rabenkrähe steht unter Naturschutz. Allerdings darf sie – außerhalb der Brutzeit – bejagt werden. In Hessen ist dies von August bis Dezember möglich, allerdings nur, wenn die Behörden einen Bedarf für eine Dezimierung sehen. Das Schießen wäre in der Stadt zu gefährlich. „Um Tiere von Plätzen zu vergrämen, an denen sie mit ihrem Kot ein Ärgernis sind, ist der Einsatz eines Falkners denkbar“, sagt Haag. Ein Habicht sei in der Lage, die Rabenkrähen an andere Orte zu vertreiben.

Wie werden die Krähen gezählt?

Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) zählt regelmäßig die Vogelbestände. Aber wie funktioniert so etwas überhaupt? „Bei den Rabenkrähen haben wir uns mit mehreren Ornithologen an den Einflugschneisen platziert, die die Tiere allabendlich bei ihrem Flug in die Stadt wählen. Diese liegen unter anderem über dem Fuldatal, dem Bereich Nords-hausen/ Oberzwehren, Harleshausen“, sagt Harald Haag von der HGON. So könne der Bestand erfasst werden, da die Tiere nicht sofort wieder zurückfliegen würden.

Rabenvögel in Kassel: Diese Arten gibt es

Rabenkrähe

Die Rabenkrähe gehört zu den Aaskrähen, die sich in die Unterarten Rabenkrähe und Nebelkrähe aufspalten. Nebelkrähen sind vor allem in den östlichen Bundesländern und Schleswig-Holstein anzutreffen.

Dohlen

Unter die etwa 3000 Rabenkrähen mischen sich in Kassel auch etwa 400 Dohlen. Unter den Raben und Krähen ist sie einer der kleinsten Vertreter. Sie zeichnet sich durch schwarz-graues Gefieder aus.

Saatkrähen

Saatkrähen, die in anderen Städten in großen Kolonien auftreten, gibt es in Kassel nicht. In den 60er- und 70er-Jahren gab es auch hier große Populationen. Sie haben ein schwarzes, metallisch glänzendes Gefieder.

Rabenvögel können zahm werden

Im Juli vergangenen Jahre hat eine Familie aus Kassel eine Dohle aufgenommen, weil sie eine Verletzung am Flügel hatte. Schnell lebte sich der Vogel ein - und ärgerte vor allem Familiehund Iago, wie Sie im Video sehen.

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