Schwarzfahrer schlug zu: Kasseler vor Gericht 

Kassel. Die Nebenklägerin zitterte am ganzen Leib. Schon bevor der Prozess gegen einen notorischen Schwarzfahrer aus Kassel so richtig begonnen hatte.

Auch die 53-Jährige aus Norddeutschland war dem 44-jährigen Angeklagten im Zug begegnet. An ihrem Sitz habe er sich festgehalten, sagte sie: Doch dann habe er losgelassen, die Faust geballt und ihr ins Gesicht geschlagen: „Ohne Vorwarnung.“

Im gleichen Monat, im September letzten Jahres, soll der 44-Jährige im Kasseler City-Point eine Passantin in den Hintern getreten und am Bahnhof Wilhelmshöhe einen Rollstuhlfahrer geohrfeigt haben. Stets soll Suff eine Rolle gespielt haben. Der Kasseler ist seit Langem alkoholabhängig und steht unter Betreuung. Ebenfalls im September 2013 soll er in einem ICE zwei Jacken gestohlen haben. Schon im August soll er am Kasseler Mattenberg mit einem Stock die Scheibe einer Tram eingeschlagen haben. Zudem werden dem 44-Jährigen zehn neue Zugfahrten ohne Ticket zur Last gelegt.

Wegen 94-fachen Schwarzfahrens hatte ihn das Amtsgericht schon im August 2013 verurteilt: zu 18 Monaten Gefängnis. Damals hatte der Angeklagte Berufung eingelegt –und angekündigt, er wolle eine Entgiftung machen und dann eine Therapie. Als es dann im März dieses Jahres zur Berufungsverhandlung kam, war die neue Anklage schon in der Pipeline – und der 44-Jährige verkündete: „Es hilft nur noch Psychiatrie.“ Er wolle in eine geschlossene Abteilung. Ähnliches wiederholte er auch gestern zum Prozessauftakt.

Keine der Schwarzfahrten stritt er ab. Inwieweit er sie wirklich im Einzelnen in Erinnerung hatte, blieb unklar. Als „Hobby“ und „Sucht“ beschrieb der Mann das Zugfahren. Weder den Tritt im City-Point noch Ohrfeige, Stockschläge auf die Tram oder Jacken-Klau stritt er ab. An die Nebenklägerin jedoch wollte er keine Erinnerung haben.

Die 53-Jährige hingegen kämpfte sichtlich mit dem Vorfall in der Bahn Richtung Hamburg: „Ich hatte es das erste Mal geschafft, wieder Zug zu fahren“, sagte sie dem Gericht. Ein Stück Freiheit sei das gewesen - nach langen Klinikaufenthalten. Zuvor sei sie mehrmals operiert worden, auch am Hals. Ein Schlag dorthin könne lebensgefährlich für sie sein. „Wäre er tiefer gelandet, hätte mir auch niemand mehr helfen können“, sagte sie über den Faustschlag des Angeklagten: „Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“ Allein Zugfahren – das gehe jetzt nicht mehr.

Für den Prozess sind drei Verhandlungstage angesetzt.

Von Katja Schmidt

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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