Schwerkraft adieu: 160 Parkour-Sportler beim „Hello Summer Jam“

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Beim „Hello Summer Jam“ trainierten sie in Kassel gemeinsam. Paul Krügener (15) aus Kassel bei der akrobatischen Übung „Krokodil“. Dabei stützt er sich auf der Mauer an der Schönen Aussicht oberhalb der Aue ab.

Kassel. Sie scheinen die Schwerkraft zu überlisten: 160 Parkour-Läufer und Sportler verwandter Disziplinen trafen sich am Wochenende in Kassel und trainierten gemeinsam.

Julian Würzler braucht keine Treppen. Der 19-jährige Kasseler nimmt auf einer Mauer Anlauf, springt und erreicht mit seinen Händen eine weitere Mauer, die fast drei Meter entfernt und ein gutes Stück höher ist. Mit seinen Armen zieht er sich hoch.

So überwindet er fliegend und kletternd die Höhenmeter am Kriegerdenkmal an der Aue. Dabei geht es bei der Sportart Parkour: Auf direktem Weg sein Ziel zu erreichen. Mit 160 Parkour-Läufern, Freerunnern und Trickern (siehe Hintergrund) aus Deutschland und der Schweiz trainierte er am Wochenende auf dem zweiten „Hello Summer Jam“ in Kassel.

Hello Summer Jam in Kassel

Viele Eltern würden sich die Augen zu halten, wenn sie den Sechsklässler Sinan Boot bei seinem Hobby beobachteten. Er steht neben der documenta-Halle auf dem Dach eines Geländewagens und springt im Rückwärtssalto auf den Boden. Sinan weiß, was er tut. Ein Jahr lang hat er trainiert bis er den „Backflip“, so nennt sich die Übung, beherrschte. Unzählige Male hat er es in einer Sporthalle ausprobiert, wo ihn Matten vor schlimmeren Verletzungen schützten.

Paul Tondera (19), der neben dem Zwölfjährigen steht, vertraut auf dessen Können: „Das ist nicht gefährlich. Wir sind keine Idioten, die unüberlegte Dinge machen.“ Einen Bluterguss und eine Schürfwunde hat sich der 19-Jährige Parkour-Läufer aber doch zugezogen: „Ach, das ist doch nichts. Gebrochen habe ich mir noch nie etwas.“

Nina Brüser humpelt. Die 20-Jährige aus Hagen hat sich vor einigen Tagen beim Parkour eine Kapsel gerissen. Trotzdem wollte sie das Treffen in Kassel nicht verpassen. „Parkour ist ein Sport, der glücklich macht. Du bist draußen und kannst dort an deine Grenzen gehen.“ Bislang hätten dies aber vor allem junge Männer für sich entdeckt, Frauen seien noch die Ausnahme.

Kassel gilt unter Parkour-Läufern als Paradies, weil es viele Plätze gibt, die sich durch ihre Vielfalt an Hindernissen für die unterschiedlichsten Übungen eignen.

Sven Becker, der die Kasseler Gemeinschaft Parkour, Freerunning und Tricking leitet, hatte das Treffen zum zweiten Mal mit seinem Team organisiert. „Letzten Jahr hatten wir 80 Teilnehmer, dieses Mal sind es mit 160 schon doppelt so viele“. Untergebracht hat er die Jugendlichen in der Freestyle-Halle an der Weserspitze (Franzgraben), wo sie für das Wochenende ein großes Schlafsack-Lager aufgeschlagen hatten.

Becker stört, dass Parkour häufig mit dem Vorurteil zu kämpfen hat, die Sportler würden bei ihren Übungen fremdes Eigentum beschädigen. „Wir machen hier nichts kaputt. Wir bringen junge Leute nach draußen, wo sie sich selbst ausprobieren können.“

Für das nächste Jahr ist eine Fortsetzung des „Hello Summer Jam“ in Kassel geplant.

Das verbirgt sich hinter Parkour & Co.:

Parkour: Parkour ist eine unter anderem von dem Franzosen David Belle gegründete Sportart, bei der der Teilnehmer – der Traceur (französisch: „der den Weg ebnet“) – unter Überwindung aller Hindernisse den kürzesten oder effizientesten Weg von A zum selbstgewählten Ziel B nimmt. Parkour wird vor allem in Städten praktiziert.

Freerunning: Freerunning ist eine Disziplin, deren Techniken teilweisel mit denen von Parkour überschneiden. Dabei soll die Bewegung nicht Mittel zum Zweck sein (eine bestimmte Strecke zurückzulegen), sondern Selbstzweck. Der Grundsatz von Parkour, die Effizienz, steht nicht im Vordergrund. Oftmals bieten akrobatische Bewegungen Anregung.

Tricking: Tricking (Martial Arts Tricking) stammt aus den USA und ist aus verschieden Kampfsportarten aber auch aus Breakdance und Gymnastik entstanden. Das Ziel ist es, immer neue Tricks zu erlernen und sie in einer Kombination mit anderen Tricks auszuführen, um einen möglichst beeindruckenden Bewegungsablauf vorführen zu können.

Von Bastian Ludwig

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