Verhältnis von Verfassungsschutz und Polizisten: Schwierig und schweigsam

Auch Kasseler Polizisten fordern eine lückenlose Aufklärung: Der hessische Verfassungsschutz schweigt bisher darüber, welche Rolle sein Beamter Andreas T. in der Neonazi-Mordserie gespielt hat. Foto:  dpa

Kassel. Die Stimmung bei der Polizei ist schlecht. Die Beamten sind schockiert über die Nachrichten und Gerüchte der vergangenen Tage. Gibt es Verwicklungen des Verfassungsschutzes in die Morde an insgesamt acht Türken und einem Griechen?

Welche Rolle spielte der frühere Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes Andreas T. bei dem Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006? Wurde bei den bundesweiten Ermittlungen geschlampt? Soll von höchster Stelle etwas vertuscht werden? Das sind Fragen, die viele Menschen derzeit beschäftigen. „Das Schlimme ist, dass Verfassungsschutz und Polizei dabei in einen Topf geworfen werden“, sagt ein Kenner der Ermittlungsarbeit.

Die Kasseler Polizisten sind besonders betroffen: Sie waren die ersten, die an dem Tatort an der Holländischen Straße vor fünfeinhalb Jahren die Ermittlungen aufgenommen haben. „Unsere Jungs haben da geschuftet und einen guten Job gemacht“, sagt ein Beamter. Von daher verlangten er und das Gros seiner Kollegen jetzt auch eine „lückenlose Aufklärung“. Sie wollen wissen, welche Rolle der Verfassungsschutz gespielt hat und ob der frühere Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas T. wirklich nur zufällig in dem Internetcafé von Halit Yozgat war. „Auch wenn er nur an diesem einen Tatort war und sich hinterher nicht von sich aus als Zeuge gemeldet hat, ist das ein Unding“, sagt ein Polizist.

Dass Andreas T. nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein und von der Erschießung nichts mitbekommen haben will, kommt auch erfahrenen Ermittlern sehr „komisch“ vor. Es heißt, dass es damals sehr „heiß hergegangen“ sei, bevor die Staatsanwaltschaft in Kassel das Ermittlungsverfahren gegen den Verfassungsschützer aus Hofgeismar eingestellt hat. Apropos Verfassungsschutz - das Verhältnis der Polizei zu dieser Behörde wird von verschiedenen Seiten als „schwierig“ bezeichnet. Ein Polizist beschreibt die Zusammenarbeit als „Einbahnstraße“. Verfassungsschützer verlangten von der Polizei Informationen, ohne anzugeben, wofür sie diese brauchten. Ein Kenner sagt: „Die schöpfen die Polizei ab und sind dabei äußerst schweigsam.“

Offen und verdeckt

Offene und verdeckte Ermittler des hessischen Verfassungsschutzes sind auch in Kassel unterwegs, von drei Hauptamtlichen in Nordhessen ist die Rede. Bei ihnen soll es sich meist um sogenannte Beschaffer der Informationen handeln. Die Auswerter sitzen überwiegend in Wiesbaden.

Ein Kenner der Szene und Beamter schließt aus, dass der hessische Verfassungsschutz als Institution etwas mit der Mordserie an den neun Männern zu tun hat. Sollte das anders sein, so müsse er wohl den Glauben an unser System verlieren und hätte keine andere Wahl, als auszuwandern. Der Mann schließt aber nicht aus, dass ein einzelner Verfassungsschützer als Täter oder Mittäter infrage kommen könnte.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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