Ersatzfahrzeug für Bundespräsidenten

Lokführer meldet sich: „Ich fuhr den sechsten ICE zur Bahnhofseröffnung in Kassel“

Es stimmt: Am 29. Mai 1991 kamen sechs ICE-Züge nach Kassel.
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Es stimmt: Am 29. Mai 1991 kamen sechs ICE-Züge nach Kassel.

All die Jahre war Harald Dölle sich sicher. Sicher, dass am 29. Mai 1991 sechs ICE-Züge zum neuen Bahnhof Wilhelmshöhe gekommen waren. Doch überall war nur die Rede von fünf Zügen.

Denn auch bei der Deutschen Bahn war man sich sicher: In einer Sternfahrt zum Festakt nach Kassel sind fünf ICE-Züge gekommen. In Harald Dölles Erinnerung hatte er als damaliger Betriebskontrolleur aber sechs Zügen das Einfahrtssignal gegeben. Nun hat sich der Lokführer des sechsten, fast vergessenen ICE bei der HNA gemeldet.

„Die Deutsche Bahn hat recht, aber Herr Dölle hat auch recht“, schrieb Lothar Schirok an die Redaktion. Der 67-Jährige hat mehr als 40 Jahre Züge durch ganz Deutschland gesteuert. In Rangierbahnhöfen, im Nah- und Fernverkehr. Eine ganz besondere Fahrt begann am 29. Mai 1991 um 3 Uhr morgens. „Ich habe mit einem Kollegen einen ICE von Kassel nach Köln gefahren. Dort angekommen, haben wir gewartet.“ Die beiden haben nicht auf irgendwen gewartet: Sie warteten auf den Bundespräsidenten der gerade wiedervereinigten Republik, Richard von Weizsäcker.

Zurück am Gleis 8: Hier fuhr Lothar Schirok am 29. Mai 1991 mit dem sechsten ICE ein, der kein offizieller Teil der Sternfahrt zum Festakt war.

Von Weizsäcker selbst kam in einem eigenen ICE aus Bonn, Schiroks ICE war leer – und blieb es auch. Er fuhr dem Bundespräsidenten nur hinterher, „um im Notfall die gesamte Crew übernehmen zu können“, berichtet Schirok. Den sechsten Zug, der an diesem Tag nach Kassel fuhr, gab es also tatsächlich. Aber eben nur als ungenutzte Reserve. „Als wir auf dem Gleis 8 eingefahren sind, hat sich niemand für uns interessiert. Wir haben ja niemanden mitgebracht“, erinnert sich Schirok. Die Idee der Sternfahrt mit fünf Zügen war, Politiker und Prominente zum Start des ICE-Zeitalters nach Kassel zu bringen.

Harald Dölle hofft nun, dass die Geschichte der Sternfahrt in Zukunft anders als bisher erzählt wird. „Für mich bestand die Sternfahrt immer aus sechs Zügen. Für den Betriebsablauf war es nämlich unerheblich, dass einer der Züge leer war. Man hatte es mir auch nie gesagt“, erzählt der 83-jährige Dölle, der noch im Jahr 1991 zum Chef der Kasseler Bahnhöfe befördert worden war.

Harald Dölle, ehemaliger Betriebskontrolleur.

Nicht nur für die beiden Eisenbahner aus Kassel war der Start des ICE-Verkehrs in Deutschland eine besondere Zeit. „Am Bahnhof Wilhelmshöhe kamen nach dem Neubau fast dreimal so viele Züge wie davor“, erzählt Dölle. „Es war eine große Freude, als wir gesehen haben, dass zur Eröffnung alles funktioniert. Diese ganze neue Technik wurde ja mehr oder weniger im laufenden Betrieb umgerüstet“, berichtet Dölle, der heute leidenschaftlicher Amateurfunker ist.

„Als Anfang der 1990er-Jahre die neuen ICE kamen, war das eine völlig neue Welt“, erinnert sich auch Lothar Schirok. Er gehörte zu den ersten Lokführern aus Kassel, die im Februar 1991 für den neuartigen ICE ausgebildet wurden. „Unser bisheriges technisches Verständnis war völlig überholt, wegen der ganzen Elektronik mussten wir umdenken“, berichtet Schirok von der Zeit als Bundesbahn-Lokführer. „Der neue Bahnhof war ein Einschnitt für Kassel und die Eisenbahn. Ein besonderer Tag war das.“ (Gregory Dauber)

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