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Seebrücke-Bewegung: Darum demonstrieren in Kassel so viele für Flüchtlinge

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Von: Kathrin Meyer

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Gegen das Sterben im Mittelmeer: Die erste Seebrücken-Demo in Kassel fand am 27. Juli statt.
Gegen das Sterben im Mittelmeer: Die erste Seebrücken-Demo in Kassel fand am 27. Juli statt. © Dieter Schachtschneider

Kassel. Axel Garbelmann und Anna Czubayko sprechen im Interview darüber, was die Seebrücken-Bewegung ausmacht und warum sich gerade in Kassel viele dort engagieren.

Ein orangefarbenes Halstuch, ein oranges T-Shirt, eine Flagge in oranger Farbe – die Mitglieder der Seebrücke kennzeichnen sich mit derselben Farbe, die auch Rettungswesten haben. Die Seebrücke ist eine internationale Bewegung, die sich mit Menschen auf der Flucht solidarisiert und für die Seenotrettung im Mittelmeer einsetzt. In Kassel haben zuletzt an den Seebrücken-Demos jeweils mehr als 2000 Menschen teilgenommen. Wir haben mit Axel Garbelmann und Anna Czubayko gesprochen, die sich in der Seebrücken-Bewegung in Kassel engagieren.

2000 Menschen sind zuletzt zur Seebrücke gekommen, was macht die Bewegung in Kassel besonders?

Axel Garbelmann: Im Vergleich zur Größe der Stadt sind in Kassel sehr, sehr viele Menschen zusammengekommen. Wir haben mal geschaut, wie viele Leute sich wo versammelt haben: Da war Kassel ganz vorne dabei. Man muss auch sehen, in welch kurzer Zeit sich die Bewegung entwickelt hat – wir sprechen hier von ein paar Wochen.

Worauf führen Sie zurück, dass die Seebrücke so viele Menschen bewegt?

Garbelmann: Kassel ist von der Tradition her eine Flüchtlingsstadt und außerdem sehr stark, was Netzwerke angeht. Da lässt sich schnell etwas verbreiten. Dass so viele Menschen zusammengekommen sind, konnten wir im ersten Moment selbst kaum glauben. Es ging ein begeistertes Johlen durch die Menge, als die Teilnehmerzahl bekannt gegeben wurde. Eine Erklärung, warum Kassel so viele mobilisiert, habe ich nicht. Aber es war wie eine Initialzündung.

Anna Czubayko: Ich war an dem Tag selbst nicht in Kassel. Als ich die Nachricht bekommen habe, hab ich erst gedacht, es sei ein Tippfehler. Bei meinen Vorträgen über meine Erfahrungen auf den Rettungsschiffen im Mittelmeer habe ich schon gemerkt, dass es in Kassel viele Menschen gibt, die sich für das Thema interessieren.

Viele haben dann aber auch gesagt, dass sie es emotional nicht aushalten, selbst vor Ort zu helfen oder die Zeit dafür fehlt. Sie wollten aber hier etwas tun – und wenn es eben nur ist, ein Zeichen zu setzen. Mit der Seebrücke ist vor Ort ein Netzwerk entstanden, in dem man sich einsetzen und seine Stimme erheben kann gegen die Kriminalisierung der Seenotretter und auch gegen die Abschottung von Europa. Viele haben einfach gemerkt, dass es nicht reicht, sich in sozialen Netzwerken zu äußern.

Wie genau sah Ihre Arbeit auf den Rettungsschiffen aus?

Czubayko: Bei meiner ersten Mission habe ich an Deck gearbeitet und die Menschen betreut, die von den Schlauchbooten gekommen sind. Bei einer anderen Mission war ich aber auch als Funkerin auf einem der Schnellboote und habe den Kontakt zwischen den Flüchtlingsbooten und dem Rettungsschiff gehalten.

Sie waren auch auf Malta, als sich dort die Seebrücke gegründet hat.

Czubayko: Ja genau. Wir waren mit mehreren Aktivistinnen aus Kassel im Juli vor Ort, als die Lifeline in Malta eingelaufen ist. Wir haben dort das Schiff und die Menschen darauf empfangen – nachdem es zuvor tagelang daran gehindert wurde, anzulegen. Für uns war dann klar, dass wir, wenn wir nach Deutschland zurückkommen, etwas verändern müssen. In Kassel haben wir schnell viele Mitstreiter gefunden. Hier gibt es zum Beispiel die Organisation „Jugend rettet“, Alarm Phone, ein bundesweites Netzwerk bei dem sich Menschen, die in Seenot sind, telefonisch melden können, kirchliche Organisationen und Vertreter und viele andere Gruppen, die sich der Seebrücke angeschlossen haben. Aber eben auch Personen, die sich vorher noch gar nicht mit der Thematik befasst haben.

Garbelmann: Bei mir war einfach eine moralische Grenze überschritten. Zu sehen, dass den Geflüchteten im Mittelmeer nicht mehr geholfen wird und insgesamt das Thema Flucht zusehends aus dem Fokus der Öffentlichkeit rückt, war für mich der Grund, die Seebrücke zu meiner Motivation zu machen. Es geht darum, zu zeigen, wie notwendig es ist, Brücken zu schlagen: für sichere Fluchtwege, um zu verhindern, dass weiter Menschen im Mittelmeer sterben und auch, dass Rettungsschiffe blockiert werden. Das will der Gedanke der Seebrücke vermitteln.

Und die Veranstaltungen vor Ort sind dann auch ein Brückenschlag?

Garbelmann: Ja, auf jeden Fall. Zu sehen, dass 2000 Menschen dafür sind, dass sich etwas ändern muss, das ist ein starkes Zeichen von Solidarität – eben auch eine dieser Brücken.

Wie organisiert sich die Seebrücke?

Garbelmann: Die Seebrücke ist eine Bewegung, die aus sich selbst entstanden ist. Sie ging wie ein Lauffeuer durch verschiedene Städte, hat sich spontan und völlig dezentral verbreitet. In einigen Städten steckt vielleicht eher die linke Szene dahinter, in anderen kirchliche Organisationen oder der Landfrauenverband. Man bekommt den Eindruck, dass selbst die Politik davon überrascht worden ist, wie viele Personen jeden Alters sich der Seebrücke angeschlossen haben.

Wie geht es jetzt weiter?

Garbelmann: Wenn man die Stimmung in Deutschland gegen Geflüchtete sieht, dann muss etwas gegen diesen Rassismus getan werden. Unsere Proteste sind nicht parteipolitisch. Sie richten sich generell gegen das politische System, das krankt. Am heutigen Montag zum Beispiel wird es in Frankfurt eine Großdemo geben, weil sich Horst Seehofer angekündigt hat. In Kassel sind einige von uns auch auf Gegendemos zu politischen Wahlkampfveranstaltungen präsent – zum Beispiel, wenn Politiker der AfD sprechen. Eine weitere Seebrückenveranstaltung ist aktuell in Kassel noch nicht geplant.

Czubayko: Wir stehen aber erst am Anfang. Erst wenn die Schiffe wieder fahren, sind die Ziele der Seebrücke erreicht. Solange werden wir weiter machen.

Zu den Personen

Axel Garbelmann (44) arbeitet als Sozialarbeiter in Kassel. Er ist auch als Musiker und Schauspieler bekannt. Für Garbelmann war mit der Blockierung des Rettungsschiffes Lifeline im Juni „eine moralische Grenze überschritten“. Seitdem engagiert er sich in der Seebrücken-Bewegung in Kassel und hat sie zu seiner Sache gemacht.

Anna Czubayko (27) kommt aus Ahnatal und lebt mittlerweile in Kassel. Czubayko studiert Soziale Arbeit und arbeitet als studentische Hilfskraft an der Uni. Bereits mehrfach war sie selbst auf Rettungsschiffen im Mittelmeer, um dort Flüchtlingen zu helfen. Die 27-Jährige war auch auf Malta, um die Lifeline dort in Empfang zu nehmen.

Hintergrund: Seebrücken-Bewegung 

Die Seebrücke ist eine internationale Bewegung von Bündnissen und Akteuren aus der Zivilgesellschaft. Die Bewegung ist dezentral organisiert und richtet sich gegen die europäische Abschottungspolitik sowie insbesondere gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung im Mittelmeer. 

Gegründet wurde die Bewegung Ende Juni 2018, als das Rettungsschiff Lifeline tagelang mit 234 geretteten Menschen an Bord auf hoher See ausharren musste und in keinem europäischen Hafen anlegen konnte. Nach Angaben der Organisatoren gingen seit Anfang Juli in Deutschland in über 30 Städten mehr als 79 000 Menschen auf die Straße. An der bisher größten Demo in Hamburg nahmen am 2. September 16 400 Menschen teil. In der Region gibt es Seebrücken-Initiativen in Kassel und Göttingen

Weitere Infos gibt es per E-Mail an seebruecke-kassel@gmx.de und auf Facebook

Stichwort: Alarm Phone

Alarm-Phone wird seit 2014 betrieben und ist ein ehrenamtliches Projekt. Die Initiative hat eine Hotline für Flüchtlinge in Seenot eingerichtet, die in Flüchtlingslagern, über das Internet, über Organisationen und soziale Medien verbreiten wird. Die Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig und betreuen die Nummer in Schichten von zu Hause aus. Auch in Kassel gibt es mehrere Aktivisten, die Anrufe unter der Nummer entgegennehmen. Das Alarm-Phone ist unter dieser Nummer zu erreichen: 00334/86517161

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