Landgericht: Im Zeugenzimmer der „Kasseler Hilfe“ werden 400 Opfer pro Jahr betreut

Kunst für das Zeugenzimmer: (von links) Der Justizhauptwachtmeister und Künstler Helmut Mander hat die Skulptur „Sehnsucht“ übergeben an Annette Müller, Silke Emde und Ute Ochs (alle drei sind Mitarbeiterinnen der „Kasseler Hilfe“) sowie den Vorstandsmitgliedern, der Oberstaatsanwältin Andrea Boesken, Dietrich von Gliszynski, Vizepräsident am Landgericht Kassel a.D., und Dr. Wolfgang Löffler, Präsident des Kasseler Landgerichts. Foto:  Herzog

Kassel. Helmut Mander arbeitet seit 1996 am Kasseler Landgericht. Der Erste Justizhauptwachtmeister hat schon zahlreiche Prozesse miterlebt. „Die Schicksale, die man da im Saal zu hören bekommt, die berühren mich auch“, sagt Mander, der in Burghasungen lebt.

Weil er weiß, welches Leid viele Opfer von Straftaten durchmachen müssen, ist der 55-Jährige froh, dass der Verein Kasseler Hilfe seit knapp zwölf Jahren ein Zeugenzimmer im Justizzentrum eingerichtet hat. Hier werden Zeugen und Opfer in Verhandlungspausen betreut und auf das Procedere vor Gericht vorbereitet.

Weil Mander, der in seiner Freizeit Kunst aus Ton erschafft, die Arbeit der Kasseler Hilfe sehr schätzt, hat er eine Skulptur für das Zeugenzimmer kreiert und ihr den Namen „Sehnsucht“ gegeben. Es ist eine Frau, die auf einer Weltkugel steht.

80 Prozent Frauen

„Für uns bedeutet das die Sehnsucht nach dem normalen Leben“, sagt Sozialpädagogin Silke Emde. Die Sehnsucht nach der Normalität verspürten die meisten Opfer von Straftaten. 384 Menschen, die an 108 Prozessen beteiligt waren, besuchten in diesem Jahr bereits das Zeugenzimmer. Laut Emde ist mittlerweile in einem Jahr von 400 Nutzern auszugehen. 80 Prozent davon seien Frauen. Die Nachfrage nach der Betreuung durch die Mitarbeiterinnen der Kasseler Hilfe sei von Jahr zu Jahr gestiegen. Die Opfer hätten mittlerweile einen neuen Stellenwert vor Gericht, sagt Emde.

Das bestätigt Dietrich von Gliszynski, Vizepräsident am Landgericht Kassel a.D., der zusammen mit Oberstaatsanwältin Andrea Boesken die Kasseler Hilfe vor 18 Jahren ins Leben gerufen hat. Geschädigte und Opfer seien früher vor Gericht einfach nur als Zeugen betrachtet worden. Erst vor 15 Jahren habe die Entwicklung eingesetzt, dass auch das Schicksal dieser Personen im Gerichtssaal eine besondere Rolle einnehme, sagt von Gliszynski. Die Arbeit der Mitarbeiterinnen des Zeugenzimmers werde von den Richtern in Kassel auch sehr geschätzt. Das sei nicht in allen Städten, in den es ein Zeugenzimmer gibt, der Fall.

Dr. Wolfgang Löffler, Präsident des Kasseler Landgerichts und Vorstandsmitglied der Kasseler Hilfe spricht von einer „umfassenden Akzeptanz“ der Einrichtung in der Richterschaft. Durch die Zeugenbetreuung würde eine „Entlastung der Prozesse“ stattfinden. Viele Opfer seien durch die Vorbereitung überhaupt erst in der Lage, ihre Angst zu überwinden und eine Aussage zu machen, sagt Oberstaatsanwältin Boesken. Selbst bei Verteidigern sei das Zeugenzimmer durchaus akzeptiert. Es sei auch im Sinn der Verteidigung, so Boesken, wenn das Opfer in der Lage sei, seine Aussage mit einer gewissen Ruhe zu machen. (use)

Verein Kasseler Hilfe, Opfer- Und Zeugenberatung, Wilhelmshöher Allee 101, Kassel, Tel. 05 61/28 2070, www.kasseler-hilfe.de

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