Seilkletterer dokumentieren Schäden am Lutherkirchturm

Kassel. So weit oben sind auf Kassels höchstem Bauwerk normalerweise nur die Turmfalken unterwegs: Unter neugierigen Blicken vieler Passanten hangeln sich angeseilte Industriekletterer derzeit am Turm der Lutherkirche entlang und stoßen dabei auch bis zur 76 Meter hohen Spitze vor.

Ihre Mission: Schäden dokumentieren, lose Stein- und Mörtelteile entfernen und Moos- und Pflanzenbewuchs beseitigen. Vor allem am Mörtel des steinernen Turmhelms hat der Zahn der Zeit genagt. „Da oben kann man schon zwischen den Steinen hindurchgucken“, sagt Gernot De Bruyn von der Kasseler Firma Seilkonzept. Mit seinem Kollegen Birger von der Ehe klettert er bis anfang nächster Woche die kompletten 3500 Quadratmeter Turmfassade ab, dabei schießen die schwindelfreien Spezialisten etwa 1000 fotografische Nahaufnahmen vom Gemäuer.

Beherzt über die Brüstung: Birger von der Ehe bereitet sich auf den Abstieg von der nordöstlichen Turmfassade vor. Links sein Chef Gernot de Bruyn von der Kasseler Firma Seilkonzept. Fotos:  Schwarz

„Dann haben wir ein genaues Schadenskataster und sind nicht nur auf Fernglas-Beobachtungen angewiesen“, sagt Helge Kuhn, Architekt beim Evangelischen Stadtkirchenkreis Kassel. Handlungsbedarf war entstanden, weil vor einem Monat ein lockerer Sandsteinquader vom Umgang auf Höhe der Kirchturmuhr abzustürzen drohte. Daraufhin hatte die Kirche bei einem Ingenieurbüro ein Schadensgutachten für die komplette Fassade in Auftrag gegeben. Ergebnis ist laut Kuhn ein Sanierungskonzept, das die Kosten für eine Fugenbefestigung auf 800 000 Euro beziffert. „Das dauert Jahre, bis wir so viel Geld im Haushalt zur Verfügung haben“, sagt der Kirchen-Architekt.

Weiterhin sei empfohlen worden, den Kirchenvorplatz einstweilen mit Bauzäunen zu sperren, damit niemand von fallenden Mörtelteilen getroffen werden kann. „Das ist schlichtweg nicht machbar“, sagt Kuhn: Weil der Turm so viele schräge Dachteile habe, sei nicht kalkulierbar, in welchem Radius die Trümmer fliegen könnten, und man könne wohl schlecht den gesamten Lutherplatz absperren. Deshalb seien die Fassadenkletterer beauftragt worden - nicht nur um zu dokumentieren, sondern auch um lose Stellen zu entdecken und zu sichern. „Damit ist unserer Verkehrssicherungspflicht bis auf Weiteres Genüge getan“, sagt Kuhn.

Durch die Seil-Aktion erhoffe sich die Kirche deutlich geringere Sanierungskosten: einmal durch ein präziseres Schadensbild, zum anderen auch, um zu prüfen, ob die Kletterer später vielleicht auch gleich die schadhaften Fugen mittels eines Mörtel-Einpressverfahrens sanieren könnten.

Falls sich eine solche Perspektive ergibt, „könnten wir wesentlich früher mit der Sanierung beginnen“, sagt Helge Kuhn. Von den veranschlagten 800 000 Euro im vorliegenden Schadensgutachten seien allein etwa 200 000 für eine komplette Einrüstung des Turms angesetzt - ein Posten, der bei einem Einsatz der Kletterer einzusparen wäre. Aber auch davon abgesehen hoffe man, den Lutherturm für einen Bruchteil der geschätzten Summe fit für die nächsten Jahrzehnte machen zu können.

Von Axel Schwarz

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