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Eine Kasseler Integrationsgeschichte: Feras Rashid floh aus Syrien und hat jetzt den deutschen Pass

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Von: Katja Rudolph

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Feras Rashid mit deutschem und syrischem Pass auf dem Friedrichsplatz.
Voll und ganz in Kassel angekommen: Feras Rashid hat vor Kurzem seinen deutschen Pass erhalten. „Der syrische Pass ist für mich nur noch Deko“, sagt der 30-Jährige, der nun eine doppelte Staatsbürgerschaft hat. © Katja Rudolph

Viele syrische Geflüchtete, die in der Zeit der hohen Zuwanderung 2015/2016 nach Deutschland gekommen sind, lassen sich jetzt einbürgern. Wir haben einen von ihnen getroffen.

Kassel – Fast auf den Tag genau sieben Jahre ist es her, dass Feras Rashid in Deutschland ankam. Hinter ihm lagen der Krieg in Syrien und der drohende Einzug ins Militär: „Ich wollte keine Menschen erschießen.“ 22 Tage dauerte seine Flucht. Das überfüllte Schlauchboot, mit dem Schlepper die Flüchtlinge aufs Mittelmeer schickten, war defekt. Die Überfahrt nach Griechenland glückte dennoch, und Rashid schaffte es weiter bis nach Deutschland.

Wenn der 30-Jährige heute davon erzählt, wie er sich im bayrischen Freilassing als Erstes eine SIM-Karten kaufen wollte, kann er darüber schmunzeln. Der Ladeninhaber wies ihn barsch ab: An Leute, die kein Deutsch können, verkaufe er nichts. Die SIM-Karte bekam Feras Rashid mit seinem guten Englisch damals anderswo. Und inzwischen kann er längst in nahezu perfektem Deutsch alle seine Angelegenheiten regeln. Sagt man ihm, dass er wie ein Muttersprachler klingt, geht trotzdem noch ein breites Lächeln über sein Gesicht, gefolgt von einem bescheidenen: „Ich kann noch viel verbessern.“

Dabei kann man sich wohl kaum besser integrieren, als das dem aus Aleppo stammende Kurden gelungen ist. Jüngster Beleg dafür ist seine frühzeitige Einbürgerung. Seit gut Juli hat er den deutschen Pass. „Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft“, sagt Rashid, der bei der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) als Geschäftsmodellentwickler arbeitet und im Smart-City-Team die Digitalisierung der Stadt mit vorantreiben will. „Ich kann jetzt etwas zurückgeben dafür, dass man mich hier so großzügig aufgenommen hat“, sagt er. Ob Deutschland für ihn inzwischen Heimat sei? „Ja, sagt Feras Rashid sofort und fügt mit einem Grinsen hinzu: „My home is my Kassel.“

Der Weg dahin war allerdings lang und mitunter steinig. Angefangen von der ersten Zeit in einem Zeltlager für 500 Geflüchtete in Schwarzenborn. „Es war sehr kalt für uns“, erinnert er sich. Als es dort nach Missverständnissen um den Tod eines schwerkranken Flüchtlings zu Tumulten kam, vermittelte Rashid zwischen Behörden und Bewohnern und konnte die Situation beruhigen. Später kam er in eine Erstaufnahme an der Marbachshöhe in Kassel.

Während der Wartezeit bis zu einem offiziellen Deutschkurs, begann der studierte Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler auf eigene Faust Deutsch zu lernen – neben Arabisch, Kurdisch, Englisch und Französisch seine fünfte Sprache. Er nahm ein Masterstudium an der Uni Kassel auf und arbeitete nebenbei bei Edeka in der Nordstadt. Ein ausgebildeter Akademiker als Kassierer – war das nicht auch ernüchternd? „Wenn man so denkt, scheitert man“, sagt Feras Rashid. „Mir war klar: Ich muss bei null anfangen.“

Auf Fotos von Feras Rashid bei seiner Ankunft 2015 sieht man einen schmalen jungen Mann. Heute hat der 30-jährige, der Rugby im Verein spielt und ins Fitnessstudio geht, ein breites Kreuz. Sein Muskelaufbau mag auch Beleg für die Kraft sein, die es kostete, sich in Deutschland hochzuarbeiten. Bei Wohnungs- und Jobsuche machte er frustrierende Erfahrungen. Bis heute kommt es vor, dass er als „Scheiß Ausländer“ beschimpft wird oder böse Blicke erntet. „Für mich ist das eher ein Anreiz, den anderen zu zeigen, dass sie mit ihren Vorurteilen falsch liegen“, sagt Rashid.

Dass es auch Migranten gibt, die sich in Deutschland schlecht benehmen oder das Sozialsystem ausnutzen, macht den gebürtigen Syrer wütend. Auch deshalb hat er seit 2015 die Bild-Zeitung seine Flucht und den Neuanfang begleiten lassen und war schon mehrfach Gast bei Maybrit Illners Talkshow. „Ich möchte den Menschen zeigen, dass es Unterschiede gibt. Weil es auch mich und meine Familie betrifft.“

Seine Frau Nasly, studierte Wasserbauingenieurin, kam 2016 nach Kassel. Seit viereinhalb Jahren hat das Paar, das in der Nordstadt lebt, einen Sohn. Auch für ihn habe er sich einbürgern lassen, sagt Rashid, der mit seinem Kind fast nur Deutsch spricht: „Damit er gut ankommen kann.“ Seine Frau wartet wegen bürokratischer Hindernisse noch auf ihre Einbürgerung. Auf die Frage, ob er auf dem eigenen langen Weg des Ankommens auch mal verzweifelt war, zuckt Feras Rashid mit den Schultern: „Ist das Leben nicht immer so? Es gibt viele Hürden, die muss man überwinden.“ (Katja Rudolph)

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