DDR-Moped ist Kultobjekt

Herz schlägt im Zweitakt: Kasseler Simsonfreunde treffen sich seit 15 Jahren

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Über die Alpen: Vor etlichen Jahren fuhr Clubmitglied Manfred Blochel (links) mit seinem Sohn auf zwei Simson-Schwalben bis nach Monaco.

Kassel. Sie lieben das Knattern und den Duft des Zweitaktmotors: Die Simsonfreunde Kassel treffen sich seit 15 Jahren, um ihre Leidenschaft für DDR-Mopeds auszuleben.

Ein Mitglied hatte einst mit dreieinhalb PS unterm Hintern sogar den Ritt über die Alpen gewagt.

Was vor der Wende für die Ostdeutschen ein Stück Freiheit bedeutete, ist seit dem Mauerfall im Westen zum begehrten Kultobjekt avanciert. „Die Simson ist extrem wartungsfreundlich. Du kommst überall gut ran“, schwärmt Clubmitglied Bernd Aschenbrenner. Die Simsonfreunde loben die Robustheit der Technik, die nicht zu vergleichen sei mit den heutigen Rollern, die sie etwas abfällig als „Plastikbomber“ bezeichnen. „Die Simson wurde für die Schlaglöcher der DDR gebaut“, sagt Aschenbrenner.

Die Zweiräder sind so zuverlässig, dass Clubmitglied Manfred Blochel vor einigen Jahren mit seinem Sohn die Alpenüberquerung gewagt hatte. Mit zwei Simson-Schwalben fuhren sie von der Schweiz bis nach Monaco. Sechs Tage, 1320 Kilometer und zehn Alpenpässe, auf denen sie gegen Schnee und Eisregen kämpften, trennten sie von ihrem Ziel. Ein kleiner Vorteil: Die Maschinen dürfen offiziell 60 km/h fahren. Das sei 1990 sogar im Einigungsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik festgehalten worden.

Aber auch das Simson-Design von Modellen wie Schwalbe, S51, Habicht, Star, Spatz und Sperber hat es den Fans angetan. Wobei die Schwalbe, die in der DDR für die rocktragenden Frauen konstruiert wurde, inzwischen auch bei den Männern begehrt ist. Die Nachfrage ist so groß, dass die DDR-Mopeds in den vergangenen Jahren extrem an Wert gewonnen haben. „Die Preise haben sich teilweise verdreifacht“, erzählt Blochel.

Die 13 Clubmitglieder geben sich in der Regel nicht mit einer Simson zufrieden. „Ich hatte teilweise bis zu sieben Stück“, erzählt Aschenbrenner. Für die wöchentlichen Treffen (immer donnerstags) kommen die Simsonfreunde in einer alten TÜV-Halle an der Knorrstraße zusammen.

Dort wird geschraubt und gefachsimpelt. Weil es weit und breit keine Simson-Werkstatt mehr gibt, müssen die Mitglieder alles selbst instand setzen. An den Wochenenden geht es auf Touren ins Umland – aber auch auf vierstündige Ausfahrten bis nach Suhl, zur Geburtsstätte der Simson.

Weil die alte TÜV-Halle vermutlich abgerissen wird, müssen sich die Mitglieder bald ein neues Clubheim suchen. Für Angebote aus Kassel und dem Umland sind sie dankbar.

Hintergrund

Im thüringischen Suhl wurde die Simson vom Volkseigenen Betrieb Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ ab 1968 hergestellt. 2003 wurde die Produktion eingestellt. Die nach der Wende gegründete Simson Motorrad GmbH & Co KG hatte Insolvenz angemeldet und wurde versteigert. Die Firma MZA Meyer-Zweiradtechnik in Vellmar übernahm den Betrieb – auch die Geschäftsräume in Suhl. Die Vellmarer sorgen dafür, dass es bis heute Ersatzteile für die Simson-Modelle gibt. 

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