Symbol für Überlebenswillen

Seit der Bombennacht verstummt: Osanna-Glocke der Martinskirche feiert 200. Geburtstag

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Hat eine besondere Beziehung zur Martinskirche und der Osanna-Glocke: Ulrich Kleinkauf (73), der langjährige Leiter des Posaunenchors von St. Martin. Auch sein Bruder, sein Vater und sein Großvater spielten Posaune in der Kirche.  

Sie wurde vor 200 Jahren bei Henschel gegossen und stürzte in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 in die Tiefe. Die Osanna-Glocke der Martinskirche hat eine spannende Geschichte.

Zeitzeugen erinnerten sich noch Jahrzehnte später an den letzten Ton, den die fünf Tonnen schwere Osanna-Glocke der Martinskirche von sich gab. Das war in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943, als sie aus großer Höhe von einem der einstürzenden Türme herunterfiel. Beim Aufprall habe die Glocke für einen mächtigen Schlag gesorgt. Die Osanna wurde beschädigt aber nicht zerstört. Sie ist seitdem ein Symbol für den Überlebenswillen nach der Bombennacht und steht heute im Innenraum der frisch sanierten Martinskirche.

In diesem Jahr feiert die vom Krieg gezeichnete Glocke ihren 200 Geburtstag. Sie wurde im Jahr 1818 von der Kasseler Firma Henschel gegossen, die damals erst acht Jahre bestand und neben Glocken auch Kanonenkugeln goss. Eine Inschrift im unteren Bereich der Glocke weist auf das Herstellungsjahr und die Firma hin.

Sie wurde aus dem Material der Vorgängerglocke gegossen, die aus dem 14. Jahrhundert stammte und ihren Glockenton nicht mehr richtig traf. Osanna steht für „Herr hilf“. Früher wurde diese Glocke geläutet, wenn es in der Stadt brannte.

Wie eine Predigt

Wer sich die gesprungene Osanna-Glocke genauer anschaut, findet eine ganze Reihe interessanter Details. „Diese Glocke ist wie eine Predigt“, sagt Pfarrer Willi Temme. Die Darstellung von Jesus am Kreuz ist in der Bombennacht zwar auch beschädigt worden, man kann sie aber noch gut erkennen. Aus diesem Kreuz wachsen Ähren und Weinreben als Symbole für das Leben und die Überwindung des Todes. Deutlich erkennbar ist auch der Spruch aus dem berühmten Gedicht Schillers „Das Lied von der Glocke“.

„Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr entschallt, so lehre sie, dass nichts bestehet, dass alles Irdische verhallt“. Für diese Glocke, die den Krieg trotz aller Blessunren überstanden hat, hat die Inschrift eine besondere Bedeutung.

Seltener Klang

Das 14,5 Tonnen schwere Glockengeläut der Martinskirche wurde 1961, zwei Jahre nach dem Wiederaufbau, installiert. Hergestellt wurde es von der Firma Rincker aus Sinn (Lahn-Dill-Kreis). Normalerweise erklingen fünf der sieben Glocken zum Gottesdienst. An Festtagen wie Weihnachten und Pfingsten kommen alle sieben Glocken zum Einsatz. Es gibt nur wenige Anlässe im Jahr, an denen ausschließlich die Osanna geläutet wird. Bis vor einigen Jahren war das lediglich am Karfreitag und am Jahrestag der Bombennacht, dem 22. Oktober, der Fall. Mittlerweile wird sie auch am 7. November geläutet. Das ist der Jahrestag der Pogromnacht, die in Kassel zwei Tage früher stattfand als anderswo in Deutschland. Da brannten am 9. November 1938 die Synagogen.

Die neue Osanna ist fertig: Die Aufnahme vor der Martinskirche stammt aus dem Jahr 1961.

Eine Feier zum Glockengeburtstag wird es nicht geben. An das Datum erinnert hat der ehemalige HNA-Redakteur und Glockenexperte Manfred Schaake.

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